Neuerscheinung: Pragmatismus, Gerechtigkeit, Technikethik

In diesen Tagen erscheint mein neues Buch im Verlag Brill | Schöningh als Band 28 der Reihe Gesellschaft – Ethik – Religion. Unter dem Titel Pragmatismus, Gerechtigkeit, Technikethik. Aktualisierungen Christlicher Sozialethik im 21. Jahrhundert bündele ich darin theoretische und praktische Suchbewegungen, die das Fach vor dem Hintergrund des digitalen und technologischen Wandels neu vermessen.

Der Band richtet sich nicht nur an ein theologisches Fachpublikum, sondern an alle Leser:innen, die sich für praktisch-philosophische Fragestellungen mit Fokus auf soziale und politische Herausforderungen interessieren.

Inhaltlich gliedert sich das Buch in drei zentrale Bereiche:

  • Pragmatismus und Sozialethik: Eine Untersuchung des philosophischen Pragmatismus als produktive Referenzphilosophie, die Kritik an bestehenden Verhältnissen mit einem grundlegenden Weltvertrauen verbindet.

  • Beteiligung und Gerechtigkeit: Die Schärfung von Beteiligung und Partizipation als die zentralen Kernbegriffe, um soziale Gerechtigkeit in modernen Gesellschaften zu verstehen und einzufordern.

  • Technik und Anthropologie: Eine Auseinandersetzung mit der machtvollen Prägekraft von Technik und Künstlicher Intelligenz. Hier werden anthropologische Denkfiguren herangezogen, um zu klären, wie personale Autonomie in einer Technologiegesellschaft aussehen kann.

Zusammen zeigen die Beiträge, wie durch philosophische, politisch-ethische und technikethische Vergewisserungen den drängenden Gegenwartsfragen besser begegnet werden kann.

Bibliographische Angaben: Filipović, Alexander (2026): Pragmatismus, Gerechtigkeit, Technikethik. Aktualisierungen Christlicher Sozialethik im 21. Jahrhundert. Paderborn: Brill | Schöningh (Gesellschaft – Ethik – Religion 28).

Link zum Buch (DOI): https://doi.org/10.30965/9783657798070

ISBN (Print): 978-3-506-79807-7

ISBN (E-Book): 978-3-657-79807-0

Statements und Beiträge zu Papst Leos Sozialenzyklika „Magnifica Humanitas“

Die KI-Enzyklika „Magnifica Humanitas“ ist seit Ende Mai in der Welt (hier der Originaltext). An verschiedenen Orten habe ich Statements, Vorelsungen oder Texte zu der Sozialenzyklika beigesteuert. Hier eine Übersicht (die Liste wird laufend ergänzt):

Kommentare von Kolleg:innen aus der Christlichen Sozialethik finden sich hier.

Die neue Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. zur Künstlichen Intelligenz

Alle Welt wartet auf die neue Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. zur Künstlichen Intelligenz. Sie ist für heute, 15.5.26, erwartet worden, unter anderem, weil die erste Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ am 15. Mai 1891 veröffentlicht wurde. Wie ich höre, kommt „Magnifica Humanitas“ später, vielleicht an Pfingsten.

Papst Leos Text wird eine Sozialenzyklika sein. Sozialenzykliken sind Texte, die zusammen die Soziallehre der Katholischen Kirche bilden. Alle Sozialenzykliken bauen aufeinander auf und für jede neue Sozialenzyklika bildet die Tradition den Kontext. Papst Leo wird in „Magnifica Humanitas“ die Prinzipien der Katholischen Soziallehre darstellen und auf diesem Weg aktualisieren. Wie er dann auf Technik und die Künstliche Intelligenz eingeht, werden wir sehen.

Als (katholischer) christlicher Sozialethiker, der sich mit Katholischer Soziallehre und mit Digitalisierung und Technologien Künstlicher Intelligenz beschäftigt, bin ich sehr neugierig, was die neue Enzyklika bereithält.

Hier ein paar Texte, in denen ich mich mit Katholischer Soziallehre, Katholischer KI-Ethik und Papst Leo auseinandergesetzt habe:

Leo XIV – An AI Pope? Insights and Perspectives from California (2025) (zusammen mit Anna Puzio), deutsche Version bei Feinschwarz

In unserem Text analysieren wir das Pontifikat von Leo XIV. als Antwort auf die KI-Revolution. Wir verbinden kalifornische Techniknähe mit der Tradition der Sozialethik , fordern eine fundierte Analyse globaler Ungerechtigkeit und sehen im neuen Papst einen Hoffnungsträger in politisch angespannten Zeiten.

Antiqua et nova: Anthropology and Social Ethics for our Technological Future (2025), kürzere deutsche Version bei Communio

Der Text Antiqua et Nova ist der aktuellste systematische Text des Vatikans zu Fragen der Künstlichen Intelligenz. In diesem Text beschreibe ich den Text, ordne ihn ein und bewerte ihn.

Ethical and Social Consequences of Artificial Intelligence: Insights from a Christian Social Ethics perspective (2021)

In diesem größeren, akademischen Text kläre ich grundlegend, wie und mit welchen Schwerpunkten sich die Christliche Sozialethik mit Technologien Künstlicher beschäftigen kann und beschäftigen sollte. Der Text ist in einem Band der Pontifical Academy of Life publiziert, anlässlich der Tagung „The ‚good‘ algorithm. Artificial Intelligence, Ethics, Law, Health“ (im Vatikan/Rom). Hier ein Interview mit mir anlässlich der Tagung von Radio Vatikan.

Abstract: Während die Industrialisierung die Grundlagen der christlichen Soziallehre (Rerum Novarum, 1891) gelegt hat und die Globalisierung zu den Hauptschwerpunkten der theologischen christlichen Sozialethik sowie der Soziallehre der Kirche gehört, scheint bisher (2021) die Digitalisierung bei der Aufmerksamkeit der theologischen Sozialethik hinter diesen Phänomenen zurückzubleiben. Wie die christliche Sozialethik zum ethischen und politischen Diskurs über Digitalisierung und künstliche Intelligenz beitragen könnte, bleibt eine offene Frage. Durch die Verknüpfung der Themen Persönlichkeit, Solidarität und Subsidiarität mit ethischen Überlegungen zur Technologie zielt dieser Beitrag darauf ab, das Feld der Algorithmen, Daten und künstlichen Intelligenz (KI) durch das Prisma der christlichen Sozialethik zu beleuchten. Daher besteht das Forschungsziel darin, Verbindungen zwischen christlicher Sozialethik, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zu erörtern, um die aktuelle Stellung dieser digitalen Phänomene in der Tradition der christlichen Sozialethik zu beleuchten und die vielversprechendsten Richtungen für die weitere Forschung aufzuzeigen.

Einführung in die Medienethik – Eine Gesamtdarstellung (2025)

Jüngst ist meine ausführliche Gesamtdarstellung der Medienethik als Teil einer großen Einführung in die Kommunikationswissenschaft erschienen. Auf über 50 Seiten liefert der Text Grundinformationen zur Kommunikations- und Medienethik für Studierende und Medien-Leute.

Den Text findet man hier: https://doi.org/10.1007/978-3-658-44284-2_10 (Anfragen für Leseproben via ResearchGate)

Abstract:

Wenn Medien und öffentliche Kommunikation aus ethischer Perspektive betrachtet werden, geht es um die Frage, wie im Feld von Medien und öffentlicher Kommunikationgut bzw. richtig gehandelt werden soll. Die wissenschaftliche Disziplin, die diese Perspektive einnimmt, ist die Kommunikations- und Medienethik. Ziel dieses Kapitels ist die Darstellung zentraler Inhalte dieser Disziplin.
Dies geschieht nach einer kurzen Hinführung in Form eines Fallbeispiels in vier Hauptabschnitten: In Abschn. 2 wird der Gegenstand der Kommunikations- und Medienethik problematisiert. Eine zentrale Frage ist beispielsweise, was unter dem Handlungsfeld Medien zu verstehen ist und welche Bedeutung der Digitalisierung zukommt. Abschn. 3 behandelt wichtige Grundbegriffe und Grundunterscheidungen der Kommunikations- und Medienethik. Abschn. 4 widmet sich den verschiedenen ethischen Herausforderungen des umfangreichen Feldes der Medien und der öffentlichen Kommunikation. Hier unterscheidet der Beitrag jeweils zwischen wichtigen Bereichen (zum Beispiel Journalismus und PR) oder hebt besondere Handlungsbereiche des Mediensektors hervor (zum Beispiel visuelle Kommunikation). Abschn. 5 schließlich wendet sich von den einzelnen und konkreten Handlungsbereichen der Medien wieder ab und stellt dar, welche moralischen Orientierungen allgemein für den Medienbereich begründet werden können.
Die Medien und die öffentliche Kommunikation aus ethischer Perspektive zu behandeln heißt also, zu fragen, wie Personen in diesem Feld handeln, wie Medienorganisationen und Institutionen gestaltet sein und welche Regeln (Werte, Prinzipien, Normen …) dafür auf unterschiedlichen Ebenen gelten sollen. Man kann diese Fragen der ethischen Perspektive auch mit dem Stichwort Verantwortung
umschreiben.

Literaturangabe:

Filipović, Alexander (2025): Medien und öffentliche Kommunikation aus ethischer Perspektive. In: Ulrike Röttger, Klaus-Dieter Altmeppen und Elisabeth Klaus (Hg.): Kommunikationswissenschaft. Eine Einführung in die kommunikativen und medialen Grundlagen der Gesellschaft. Wiesbaden: Springer VS, S. 427–476. https://doi.org/10.1007/978-3-658-44284-2_10.

Was ist Medienethik? Eine kurze Einführung (Neuerscheinung)

Ich habe schon eine Reihe von kurzen einführenden Texten zur Medienethik geschrieben (siehe unten). Jetzt ist gerade ein besonders kompakter und lesbarer Text erschienen, der in das Thema der Medienethik einführt und wichtige ethische Probleme anspricht. Der Text ist frei, also im Open Access erhältlich: 10.17879/55069620159.

Der Text antwortet auf folgende Leitfragen:

  • Was versteht man unter Medien und worin liegt deren ethische und soziale Relevanz?
  • Welche Bereiche gibt es im Feld der Medien?
  • Welche sozialethische Bedeutung haben der Journalismus, die Öffentlichkeitsarbeit und die Unterhaltung?
  • Welche Akteure im Feld der Medien sind auf welche Art verantwortlich?
  • Wie sichern Medien gesellschaftliche Beteiligung?

Literaturangaben

Dieser Text zur Medienethik:

  • Filipović, Alexander (2022): Medien. In: Marianne Heimbach-Steins, Michelle Becka, Johannes Frühbauer und Gerhard Kruip (Hg.): Christliche Sozialethik. Grundlagen – Kontexte – Themen. Ein Lehr- und Studienbuch. Regensburg: Pustet, S. 400–414. DOI: 10.17879/55069620159.

Andere Texte von mir zur Einführung in die Medienethik:

  • Endres, Susanna; Filipović, Alexander (2021): Medienethik. In: Konstantin Lindner und Mirjam Zimmermann (Hg.): Handbuch ethische Bildung. Religionspädagogische Fokussierungen. Tübingen: UTB; Mohr Siebeck, S. 166–173.
  • Filipović, Alexander (2021): Medienethik und Digitalität. Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit im technischen Kontext. In: Wolfgang Beck, Ilona Nord und Joachim Valentin (Hg.): Theologie und Digitalität. Ein Kompendium. Freiburg: Herder, S. 447–463.
  • Filipović, Alexander (2019): Art. Medienethik. In: Görres-Gesellschaft und Verlag Herder (Hg.): Staatslexikon. Recht, Wirtschaft Gesellschaft. Band 3. Herrschaft-Migration. 8., völlig neu bearbeitete Auflage. Freiburg i. Br.: Herder, Sp. 1495–1498. Online verfügbar unter https://www.staatslexikon-online.de/Lexikon/Medienethik.

Die Corona-Krise als große (Medien-) Verschwörung

In Krisenzeiten haben Verschwörungserzählungen Konjunktur. Die jüngsten Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen, auf denen Verschwörungsmythen auch eine Rolle spielen, haben das Thema auf die mediale Agenda gehoben. Am Wochenende 16./17. Mai 2020 ist auf vielen Medien-Titeln das Verschwörungsthema prominent.

Es ist vor allem die (politische) Angst vor einer neuen Bewegung à la „Pegida“, die gegen ein mehrheitlich akzeptiertes politisches Handeln mobil macht. Soll man die Leute ernst nehmen und die Alu-Hut-Fraktion links liegen lassen? Wie unterscheidet man berechtigte Anliegen von überzogener Angst, im Weltgeschehen keine Rolle zu spielen? Oder sollen Politik und Medien den „Spinnern“ zuhören, von Ihren „Theorien“ berichten und mit ihnen reden – und ihnen gerade dadurch mehr Relevanz zuschreiben, als sie bevölkerungsweit haben?

Thema und Debatte ist komplex, Medienlogiken, politische Logiken, Ethik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie überschneiden sich an vielen Punkten. In einem Gespräch bei ARDalpha habe ich mit dem Kollegen Nikil Mukerji (LMU München) unter der Moderation von Brigit Kappel ein paar dieser Fragen besprochen.

Das Gespräch lohnt sich m.E. anzuschauen – und hier oder an anderer Stelle weiterzuführen. Man findet die halbe Stunde Talk in der Mediathek des BR.

Und als letztes unsere Gehirne

Wie sich Facebook & Co an unser Innenleben herantasten

Dieser Text ist gekürzt und überarbeitet erschienen als Filipović, Alexander (2019): Und zum Schluss die Gehirne. Wie sich Datenysteme an unser Inneres herantasten. In: Süddeutsche Zeitung, 20.08.2019, S. 11. Online verfügbar unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/gedankenlesen-privatsphaere-ki-1.4568220.

In dem großartigen Science-Fiction Roman „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu bedroht die hochentwickelte außerirdische Zivilisation der „Trisolarier“ die Erde. Sie kennen alle unsere Aufzeichnungen und unsere Kommunikationen – und sind damit immer einen Schritt voraus. Hier unten, heute und in der Wirklichkeit unserer Erde, sind wir selbst diese Bedrohung. Das Logo unserer Trisolarier ist blau mit einem weißen f darauf. Die Frage lautet: Werden wir mit dieser Entwicklung zurechtkommen?

Die Trisolarier im Roman sind technisch in der Lage, jedwede Kommunikation und alle Information der Menschheit abzuhören und in Echtzeit in ihre Welt zu übertragen. Alles, was je aufgezeichnet wurde und was gesprochen wird, ist in dem gleichen Moment für die Feinde offenbar. Zusätzlich stören sie naturwissenschaftliche Grundlagenforschung, damit die Menschheit technisch nicht zu den Trisolariern aufschließt. Durch die technische Überlegenheit sind die Menschen den Außerirdischen hilflos ausgeliefert.

Trisolarier und Menschen

Allerdings gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Trisolariern und Menschen: Trisolarier sind füreinander immer vollständig transparent, reine Subjektivität ist ihnen unbekannt. Dies macht grenzenlose Kooperation möglich – der Schlüssel für die technische Überlegenheit der Aliens. Privatheit ist als Konzept gar nicht bekannt, ein Gedanke ist sofort für alle anderen öffentlich. Wahrhaftigkeit ist gar keine Kategorie, weil es das Gegenteil, Manipulation, Lüge und Halbwahrheit, gar nicht geben kann.

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Corporate Digital Responsibility (CDR) als Themenschwerpunkt

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit Corporate Digitale Responsibility (CDR), also der unternehmerischen (und institutionellen) Verantwortung im Kontext digitaler Technologien. Die Frage ist, ob über die Einhaltung von Rechtsnormen hinaus Unternehmen und Institutionen eine spezielle gesellschaftliche Verantwortung in digitalen Zeiten haben. Gemeint ist etwa der Umgang mit Personendaten oder der Einsatz von KI-Systemen.

Auch für den Medienbereich spielt das Konzept CDR eine Rolle: Das Konzept einer Corporate Digital Responsibility für den Medienbereich orientiert sich an einer Ethik der Digitalität (Algorithmen, Daten, ,,Künstliche Intelligenz“), einer Ethik medial vermittelter öffentlicher Kommunikation (Journalismus, PR/Werbung, Unterhaltung) und an einer unternehmens- und wirtschaftsethisch ausgerichteten Medienethik (vgl. Altmeppen, Filipović 2019 – Corporate Digital Responsibility).

Mit meinen (sehr begeisterten) Studierenden habe ich im Wintersemester 19/20 bei der Digital Future Challenge mit, einem gemeinsamen Projekt der Deloitte-Stiftung und der Initiative D21. In ganz Deutschland bearbeiten Studierende konkrete Use-Cases von realen Unternehmen und überlegen, wie CDR dort umgesetzt werden kann. Mit dieser Frage beschäftigt sich auch das CDR-Lab der dimension2 economics & philosophy consult GmbH, an der ich beteiligt bin (bei Interesse dort anfragen).

Publikationen zu Corporate Digital Responsibility (CDR)

Mittlerweile sind einige Publikationen von mir und uns zusammen gekommen, weitere folgen:

  • Filipović, Alexander (2024): Corporate Digital Responsibility. In: Maximilian Kiener (Hg.): The Routledge Handbook of Philosophy of Responsibility. New York, London: Routledge, S. 419–430. https://doi.org/10.4324/9781003282242-45.
  • Filipović, Alexander; Altmeppen, Klaus-Dieter (2020): Digitale Verantwortung von Medienunternehmen. In: Bertelsmann Stiftung und Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (Hg.): Unternehmensverantwortung im digitalen Wandel. Ein Debattenbeitrag zu Corporate Digital Responsibility: Verlag Bertelsmann Stiftung, S. 200–205. https://doi.org/10.11586/2020063.
  • Altmeppen, Klaus-Dieter; Filipović, Alexander (2019): Corporate Digital Responsibility. Zur Verantwortung von Medienunternehmen in digitalen Zeiten. In: Communicatio Socialis 52 (2), 202-214. DOI: 10.5771/0010-3497-2019-2-202. (PayWall – PrePrint-Anfragen via ResearchGate)
  • Koska, Christopher; Filipović, Alexander (2019): Blackbox AI – State Regulation or Corporate Responsibility? In: Digitale Welt 3 (4), S. 28–31. DOI: 10.1007/s42354-019-0208-5.
  • Koska, Christopher; Filipović, Alexander (2019): Corporate Digital Responsibility muss mehr als geltendes Recht abbilden. In: future-of-hr.com, 18.10.2019. Online verfügbar unter https://www.future-of-hr.com/2019/10/corporate-digital-responsibility-muss-mehr-als-geltendes-recht-abbilden/.

(Update am 27.2.2024)

Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit – Alles Habermas!?

In einem wissenschaftlichen Aufsatz – gerade ist der Band erschienen – habe ich über die Bedeutung der Philosophie von Jürgen Habermas reflektiert. Eignet sich seine Aufklärungsphilosophie für eine Ethik öffentlicher Kommunikation in Zeiten der Digitalität? – Anlass war nicht Habermas‘ 90. Geburtstag, passt aber jetzt natürlich gut…

Der Text zeigt die medienethische Relevanz einer theoretischen Analyse und Klärung der medialen Infrastruktur der politischen Gegenwartsöffentlichkeit in der Epoche der Digitalität. Er geht von der These aus, dass ein zu selbstverständlicher Rekurs der Medienethik auf Konzepte von Jürgen Habermas aktuelle Änderungsdynamiken im Kontext der Digitalisierung nicht gut genug in den Blick bekommt.

Zwar scheint auch im Zuge der Umstellung der Kommunikation auf digitale Technik, dem Aufkommen der Social Media und der datengetriebenen Personalisierung von Inhalten öffentlicher Kommunikation das diskursethisch grundierte und gesellschaftstheoretisch entfaltete deliberative Demokratiemodell Halt und Sicherheit für das ethische Argumentieren zu geben. Aber: Allgemeine Erreichbarkeit der öffentlichen Sphäre, sachliche Argumentation, Vernunftorientierung, Konsensfindung – diese Elemente des habermasschen Universums scheinen gerade nicht durch den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit befördert zu werden. Der Modus ist also eher „Gereiztheit“ (Pörksen 2018) statt „Diskurs“. Statt vernünftiger Argumentation aller Betroffener sind die Existenz mehrere Realitäten, Segmentierung, Hate Speech, Ausschlusserfahrungen („political correctness”…), Populismus und Konfrontation Kennzeichen unserer Zeit.

Davon ausgehend sucht der Text in den Themenkreisen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und „Diskurs und Deliberation“ nach medienethisch geeigneten alternativen politisch-ethischen Demokratietheorien und kommunikationswissenschaftlichen Theorien, die empirisch aktuell und (medien-) technisch sensibel sind, um letztlich praktisch relevante Antworten auf Probleme öffentlicher Kommunikation in der Welt von heute zu finden.

Beleg und Link (Paywall, über Bibliotheken aber meist abrufbar):
Filipović, Alexander (2019): Alles Habermas!? Alternative Theorien für eine Ethik öffentlicher Kommunikation in Zeiten der Digitalität. In: Jonas Bedford-Strohm, Florian Höhne und Julian Zeyher-Quattlender (Hg.): Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit. Ethik und politische Partizipation in interdisziplinärer Perspektive. Baden-Baden: Nomos (Kommunikations- und Medienethik, 10), S. 219–232. DOI: 10.5771/9783845291802-219.

Meinungsfreiheit – aus aktuellem Anlass… (#akk, #annegate, #rezo)

Der Fall ist bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer hat vorgeschlagen darüber nachzudenken, ob für „Meinungsmache“ im Internet vor Wahlen nicht Regeln aufgestellt werden müssten. In Folge der ganzen Vorgeschichte startete sofort der Empörungszug. Es ging um nichts weniger als um „AKK vs. GG“ (Annegret gegen das Grundgesetz). Es melden sich auch die Stimmen, die für weniger Aufregung und mehr sachorientierte Debatte argumentieren (Anja Maier in der TAZ, Stephan Detjen im Deutschlandfunk).

Ich habe am Dienstag dem Deutschlandfunk (@mediasres, Bettina Köster) und der KNA (Leticia Witte) Interviews gegeben (zitiert etwa beim MDR oder bei BR24). Darin verfolge ich die Linie, dass Meinungsfreiheit nie absolut gilt, sondern als Grundrecht immer von anderen Grundrechten eingeschränkt werden kann. Vor allem im politischen, öffentlichen Diskurs aber ist Meinung, auch wenn sie geplant, organisiert, abgestimmt und mit Macht und Autorität daherkommt, ein wichtiger demokratischer Faktor und darf nicht eingeschränkt werden. Die Freiheit der „Presse“ (also der „Medien“) ist in Deutschland nach den Erfahrungen der sogenannten Gleichschaltung von Presse und Rundfunk in der Zeit des Nationalsozialismus ein hohes Gut. Das Zensurverbot im Grundgesetz bleibt die oberste Norm für jede öffentliche Kommunikation. – Das ist gerade wo es heute staatlicherseits Bestrebungen gibt, das Redaktionsgeheimnis aufzuweichen, immer wieder zu betonen.

Worüber es sich lohnt zu reden

Worüber es sich lohnt zu reden ist: Was bedeutet der digitale Strukturwandel der Öffentlichkeit für unser politisches System? Dürfen wir uns überhaupt noch der Hoffnungen hingeben, durch eine öffentliche Debatte könnten wir der gesellschaftlichen Selbstbestimmung noch eine gute Gestalt geben? Es sieht ja oft nicht so aus: Hate Speech, Desinformation etc.). Wobei Schwarzmalen und die unreflektierte Wiedergabe von Untergangsnarrationen unserer digitalen Welt ebenso gefährlich sind (siehe Bernhard Pörksens Vortrag bei der #rp19)…

Im Interview beim @dlf habe ich betont, wie wichtig eine politisch aktive junge Generation ist (siehe dazu auch Spreeblick). Und dass sie das Internet dazu nutzt, und zwar ganz in eigenem Sinne, mit eigenen Mitteln und Ansprüchen, im eigenen Modus und Stil – na klar! Dass „die Politik“ damit nicht gut umgehen kann ist ein Offenbarungseid. Aber auch dies steht in einem größeren Zusammenhang (siehe die Analyse von Thomas Klüwer).

Allgemeine Erreichbarkeit der öffentlichen Sphäre, sachliche Argumentation, Vernunftorientierung, Konsensfindung – diese Elemente unserer politischen Kultur scheinen gerade nicht durch den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit befördert zu werden. Der Modus ist eher „Gereiztheit“ (Pörksen 2018) statt „Diskurs“. Statt vernünftiger Argumentation aller Betroffener sind die Existenz mehrere Realitäten, Segmentierung, Hate Speech, Ausschlusserfahrungen („political correctness”…), Populismus und Konfrontation Kennzeichen unserer Zeit.

Ich meine daher, dass es sich natürlich lohnt, über das Phänomen #rezo nachzudenken, gerne auch mit dem Terminus „politische Kultur“. Es geht um die Frage, wie wir miteinander streiten, wie wir unsere Überzeugungen bilden, äußern und auf die Überzeugungen von anderen reagieren. Und auch darum, wie aus diesen Überzeugungen Gesetze werden. Neue kommunikative Möglichkeiten (Internet…) stellen uns hier vor neue Herausforderungen. Das ist schon lange ein Thema in Publizistik, Politikwissenschaft, Medienethik usw. Und sollte auch ein Thema in den Parteien sein, auch in der CDU – aber nicht direkt nach einer eher ungünstigen Wahl.


Literatur (Belege und ausgewählte Hinweise zum Weiterlesen)

  • Altmeppen, Klaus-Dieter; Bieber, Christoph; Filipović, Alexander; Heesen, Jessica; Neuberger, Christoph; Röttger, Ulrike et al. (2018): Öffentlichkeit, Verantwortung und Gemeinwohl im digitalen Zeitalter. In: Publizistik 48 (3), S. 1–19. DOI: 10.1007/s11616-018-00463-1 .
  • Bedford-Strohm, Jonas; Filipović, Alexander (2019): Mediengesellschaft im Wandel – Theorien, Themen, ethische Herausforderungen. In: Gotlind Ulshöfer und Monika Wilhelm (Hg.): Theologische Medienethik im digitalen Zeitalter. Stuttgart: Kohlhammer (Ethik, 14).
  • Filipović, Alexander (2019): Alles Habermas!? Alternative Theorien für eine Ethik öffentlicher Kommunikation in Zeiten der Digitalität. In: Jonas Bedford-Strohm, Florian Höhne und Julian Zeyher-Quattlender (Hg.): Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit. Ethik und politische Partizipation in interdisziplinärer Perspektive. Baden-Baden: Nomos (Kommunikations- und Medienethik, 10), S. 219–232. DOI: 10.5771/9783845291802-219.
  • Pörksen, Bernhard (2018): Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München: Carl Hanser Verlag.
  • Stapf, Ingrid; Prinzing, Marlis; Filipović, Alexander (Hg.) (2017): Gesellschaft ohne Diskurs? Digitaler Wandel und Journalismus aus medienethischer Perspektive. Baden-Baden: Nomos (Kommunikations- und Medienethik, 5), DOI: 10.5771/9783845279824 .

Disclosure

Ich bin nicht Mitglied irgendeiner Partei. Ich bin als Sachverständiger in der Enquete-Kommission zu KI – benannt durch die Unionsfraktion des Dt. Bundestages. Ich bin auch in anderen Zusammenhängen bei der CDU (auch in direktem Kontakt mit AKK) als Experte tätig.