Bilder – Ethik im visuellen Zeitalter

Am Mittwoch (4.10.2017) bin ich auf Einladung der Styria Media Group AG und der FH JOANNEUM in Graz und präsentiere dort den Vortrag „Die neue Macht der Bilder – Ethik im visuellen Zeitalter“. Informationen zum Vortrag gibt es hier und hier; das Event wird auf diepresse.com und kleinezeitung.at live gestreamt.

Im Vorfeld ist dazu mit mir ein Interview in der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche“ erschienen, das ich mit Genehmigung hier (*.pdf) zur Verfügung stellen darf.

Wer sich selber damit wissenschaftlich beschäftigen will, hier eine kleine Auswahl an Texten:

  • Isermann, Holger; Knieper, Thomas (2010): Bildethik. In: Christian Schicha und Carsten Brosda (Hg.): Handbuch Medienethik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 304–317.
  • Isermann, Holger (2015): Digitale Augenzeugen. Entgrenzung, Funktionswandel und Glaubwürdigkeit im Bildjournalismus. Wiesbaden: Springer VS. DOI: 10.1007/978-3-658-08219-2.
  • Kapust, Antje (2013): Bildethik. In: Rolf Gröschner, Antje Kapust und Oliver W. Lembcke (Hg.): Wörterbuch der Würde. München: Wilhelm Fink, S. 275–276.
  • Leifert, Stefan (2007): Bildethik. Theorie und Moral im Bildjournalismus der Massenmedien. München: Wilhelm Fink.
  • Tappe, Inga (2016): Bildethik. In: Jessica Heesen (Hg.): Handbuch Medien- und Informationsethik. Stuttgart: Metzler, S. 306–312. DOI: 10.1007/978-3-476-05394-7_41.

 

Postredaktionelle Gesellschaft – eine medienethische Perspektive

Bereits Ende Juli 2016 habe ich der taz.die tageszeitung in einem medienethischen Interview über die „postredaktionelle Gesellschaft“ gesprochen. Jetzt wollte ich einige Gedanken daraus etwas ausführen und poste es bei dieser Gelegenheit auch hier in meinem Blog (in der taz publiziert am Dienstag, 26. Juli 2016, S. 18; online hier).

Bernhard Pörksen hatte das Dictum von der „redaktionellen Gesellschaft“ Ende 2015 wieder als Utopie bzw. normative Orientierung ins Spiel gebracht (Deutschlandradio Kultur). Der Ausdruck „postredaktionelle Gesellschaft“ wurde von Margreth Lünenborg bereits im August 2015 gebraucht (Tagesspiegel, das Altpapier hat es bemerkt); ihr gehört damit das Copyright 😉 . Sie bezieht sich dabei auf John Hartley, dessen optimistisch-naive These einer „redaktionellen Gesellschaft“ (etwa in diesem Aufsatz) sie mit dem neuen Begriff kritisch wendet (ähnlich Christoph Neuberger). Auch Cordt Schnibben verwendet den Ausdruck „redaktionelle Gesellschaft“ eher idealisierend (nzz).

Ich verwende den Begriff der postredaktionellen Gesellschaft im Interview wie Lünenborg ebenfalls kritisch, hänge aber wie Pörksen am Ideal einer redaktionellen Gesellschaft. Der Kernsatz im Interview:

Die redaktionelle Gesellschaft ist als Utopie zu verstehen: Alle Leute können kompetent über die Folgen ihrer öffentlichen Kommunikation nachdenken und danach handeln. Faktisch erleben wir das Gegenteil: die postredaktionelle Gesellschaft. Wir haben keine Redaktionen für unsere öffentliche Kommunikation. Wozu das führt, haben wir nach dem Attentat in Nizza gesehen und jetzt in München. Die Menschen halten ihre Kamera drauf und verbreiten Fotos, Videos und Falschmeldungen rasend schnell.


Interview: Amna Franzke

Medienethiker über Anschlagsmeldungen

„Wir erleben die postredaktionelle Gesellschaft“

Rasend verbreiten sich Fotos von Leichen und Falschmeldungen im Netz. Alexander Filipović über Öffentlichkeit, Tempo und Verantwortung.

taz: Herr Filipović, nach den Anschlägen der vergangenen Wochen tauchten im Netz Fotos und Videos vom Tatort auf, die Passanten gemacht hatten. Wie verändert sich der Begriff der Verantwortung, wenn wir alle zu Sendern werden?

Alexander Filipović: Man redet schnell von Verantwortung. Aber was genau bedeutet das? Der Kern des Verantwortungsbegriffs ist, die Folgen des eigenen Handelns vorauszusehen. In diesem Fall bedeutet es: Bevor ich etwas im Internet veröffentliche, muss ich mir Gedanken machen, welche Folgen das haben wird, ob diese Folgen gut oder schlecht sind, und danach muss ich handeln.

Und schaffen die Menschen das?

Leider nicht, aber das ist auch nicht leicht. Mit einem Handy in der Hand hat jeder die Möglichkeit, selbst Journalist zu werden, und nutzt sie offenbar auch. Die Professionsethik, die Journalisten in ihrer Ausbildung verinnerlicht haben, fehlt. Ich bekomme das in meinem Umfeld mit – zum Beispiel in unserer Fußball-Eltern-Whats­App-Gruppe. Ein anderer Vater schickte dort am Freitag Fakebilder vom Attentat in München. Plötzlich hieß es, dass es am Stachus eine Schießerei mit Geiselnahme gebe. Die Fotos stammten aber von einem Attentat in einem südafrikanischen Einkaufszentrum 2015. WhatsApp-Gruppen finden genauso wie Diskussionen auf Facebook im halböffentlichen Raum statt. Das trägt zu einer Hysterisierung bei.

Wie erreichen wir eine kompetente Gesellschaft?

Das ist Teil eines Bildungsprozesses, den wir alle erschaffen müssen. Es geht dabei nicht nur um Kinder, die Medienkompetenz erlernen müssen, sondern um alle Erwachsenen zwischen 20 und 45, die soziale Medien nutzen. Derartige Sozialisierungsprozesse dauern sehr lange. Ziel ist die „redaktionelle Gesellschaft“. Das ist ein Begriff des Medienwissenschaftlers John Hartley.

Die redaktionelle Gesellschaft ist als Utopie zu verstehen: Alle Leute können kompetent über die Folgen ihrer öffentlichen Kommunikation nachdenken und danach handeln. Faktisch erleben wir das Gegenteil: die postredaktionelle Gesellschaft. Wir haben keine Redaktionen für unsere öffentliche Kommunikation. Wozu das führt, haben wir nach dem Attentat in Nizza gesehen und jetzt in München. Die Menschen halten ihre Kamera drauf und verbreiten Fotos, Videos und Falschmeldungen rasend schnell.

Wie können die etablierten Medien darauf reagieren?

Das ist gar nicht so leicht. Im Kern geht es um Entschleunigung und um Fact Checking. Die Redaktionen müssen die Gerüchte, die in der Welt sind, sorgfältig prüfen. Zu den Fotos, die ich am Freitag auf WhatsApp bekommen habe, hat zum Beispiel Buzzfeed sehr schnell gemeldet, dass es sich um einen Fake handelt. Manche Medien haben es dabei leichter als andere. Print zum Beispiel. Aber man sieht ja, wie überfordert das Fernsehen ist.

Was meinen Sie damit?

In Katastrophenzeiten wird Fernsehen fast zum Katastrophenfilm. Man kann dem Fernsehen dabei zuschauen, wie es versucht, die eigene Überforderung zu überwinden. Ein Produkt davon ist der „Brennpunkt“. Eigentlich besteht Fernsehen aus Programm: Alles wird geplant, jede Sendeminute steht in einer Liste. In Katastrophenzeiten wird das alles über den Haufen geworfen. Manche Theorien sagen: Wenn es kein Programm mehr gibt, kann man nicht mehr von Fernsehen sprechen. Es gibt auch die Ansicht, dass an diesen Punkten Fernsehen erst beginnt.

Wie das?

Indem es diese völlig außergewöhnliche Zeiten rasend schnell umwandelt in eine normale Zeit. In Krisen und Katastrophen schafft Fernsehen damit Normalisierung. Man kann den „Brennpunkt“ als Sendung begreifen, die versucht, Katas­trophen wieder einzufangen und in die Zeit einzuordnen.

Stichwort Entschleunigung: Ist das nicht ein Dilemma? Wenn große Medien mit Reaktionen warten, bekommen die Falschmeldungen mehr Bedeutung.

Ja, das ist so, aber auf der anderen Seite: Geprüfte Informationen brauchen einfach mehr Zeit als ein hysterischer Tweet. Wenn man sich als Journalist begreift, ist man konstitutiv langsamer. Am Freitagabend waren eigentlich nur die Facebook-Seite und der Twitter-Account der Münchner Polizei ein sicherer Kanal, dem man folgen konnte. Ich habe die Süddeutsche Zeitung und Spiegel Onlinebeobachtet. Die haben ganz klar geschrieben: was wir wissen und was wir nicht wissen. Das scheint mir eine vernünftige Differenzierung zu sein. Es hat Schüsse gegeben – mehr wissen wir nicht. Das müssen wir alle begreifen. Aber das Dilemma bleibt.

Bieten diese neuen Öffentlichkeiten auch Chancen?

Was die soziale Kommunikation für die Menschen in ihrem Alltag betrifft, ist es natürlich positiv. Die Leute wussten sofort, wo sich ihre Lieben aufhalten. Sie standen im Kontakt mit ihnen. „Seid ihr okay? Wir halten mit euch den Atem an.“ Was die Ebene der öffentlichen Kommunikation betrifft, ist es jedoch hoch problematisch. Natürlich können wir den Menschen nicht das Twittern verbieten. Aber vielleicht gibt es so etwas wie Lerneffekte. Der Vater, der die Fakebilder geschickt hat, hat sich im Nachhinein zum Beispiel entschuldigt. Er hat geschrieben, dass er solche Bilder künftig nicht in die Gruppe stellen würde.

Nach welchen Kategorien können wir uns richten, um die Folgen unserer Handlung abzuwägen?

Wahrhaftigkeit ist ein Kriterium, also das Streben nach Wahrheit. Habe ich mich wirklich bemüht, nach bestem Wissen und Gewissen das Richtige zu kommunizieren? Es ist Vorsicht geboten. Oder eigentlich müsste man besser sagen Mäßigung. Die Folgen unserer Handlungen sind in den Netzwerkdynamiken der postredaktionellen Gesellschaft nicht mehr einzuschätzen.

Sind Sie zufrieden mit der aktuellen Berichterstattung?

Es gibt immer solche und solche. Der Boulevard schrammt nicht nur am rechtlich Möglichen, sondern auch am sittlich Guten entlang. Ich muss aber sagen, dass ich in den letzten Tagen wenig Fernsehen geguckt habe, weil ich die Bilder nicht gut ertragen kann. Im Radio habe ich häufiger gehört: „Wir wollen ja nicht spekulieren, aber …“ Das ist eine Absurdität. Wobei ich das bei einem Moderator im Fernsehen wieder verstehen kann. Er muss die zehn Minuten vor der Pressekonferenz mit Programm füllen. Doch dann hat der Interview­partner in diesem Moment die Aufgabe, zu sagen: Spekulieren wir nun, oder nicht? Eigentlich muss man sagen: Wir wissen nichts. Doch dann können wir uns nicht mehr unterhalten, und das geht im Fernsehen nicht.

Ist also Kritik an den Journalisten angebracht?

Die Medienkritik neigt in solchen Zeiten selbst zur Hysterie und wird damit Teil der Aufregung. Das ist auch nicht klug. Auf Twitter sieht man, wie viel Verachtung journalistischer Arbeit entgegengebracht wird. „Journalisten, ihr seid zum Kotzen!“ Das führt zu nichts.