Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit – Alles Habermas!?

In einem wissenschaftlichen Aufsatz – gerade ist der Band erschienen – habe ich über die Bedeutung der Philosophie von Jürgen Habermas reflektiert. Eignet sich seine Aufklärungsphilosophie für eine Ethik öffentlicher Kommunikation in Zeiten der Digitalität? – Anlass war nicht Habermas’ 90. Geburtstag, passt aber jetzt natürlich gut…

Der Text zeigt die medienethische Relevanz einer theoretischen Analyse und Klärung der medialen Infrastruktur der politischen Gegenwartsöffentlichkeit in der Epoche der Digitalität. Er geht von der These aus, dass ein zu selbstverständlicher Rekurs der Medienethik auf Konzepte von Jürgen Habermas aktuelle Änderungsdynamiken im Kontext der Digitalisierung nicht gut genug in den Blick bekommt.

Zwar scheint auch im Zuge der Umstellung der Kommunikation auf digitale Technik, dem Aufkommen der Social Media und der datengetriebenen Personalisierung von Inhalten öffentlicher Kommunikation das diskursethisch grundierte und gesellschaftstheoretisch entfaltete deliberative Demokratiemodell Halt und Sicherheit für das ethische Argumentieren zu geben. Aber: Allgemeine Erreichbarkeit der öffentlichen Sphäre, sachliche Argumentation, Vernunftorientierung, Konsensfindung – diese Elemente des habermasschen Universums scheinen gerade nicht durch den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit befördert zu werden. Der Modus ist also eher „Gereiztheit“ (Pörksen 2018) statt „Diskurs“. Statt vernünftiger Argumentation aller Betroffener sind die Existenz mehrere Realitäten, Segmentierung, Hate Speech, Ausschlusserfahrungen („political correctness”…), Populismus und Konfrontation Kennzeichen unserer Zeit.

Davon ausgehend sucht der Text in den Themenkreisen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und „Diskurs und Deliberation“ nach medienethisch geeigneten alternativen politisch-ethischen Demokratietheorien und kommunikationswissenschaftlichen Theorien, die empirisch aktuell und (medien-) technisch sensibel sind, um letztlich praktisch relevante Antworten auf Probleme öffentlicher Kommunikation in der Welt von heute zu finden.

Beleg und Link (Paywall, über Bibliotheken aber meist abrufbar):
Filipović, Alexander (2019): Alles Habermas!? Alternative Theorien für eine Ethik öffentlicher Kommunikation in Zeiten der Digitalität. In: Jonas Bedford-Strohm, Florian Höhne und Julian Zeyher-Quattlender (Hg.): Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit. Ethik und politische Partizipation in interdisziplinärer Perspektive. Baden-Baden: Nomos (Kommunikations- und Medienethik, 10), S. 219–232. DOI: 10.5771/9783845291802-219.

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