Ethik 2.0 für das Web 2.0?

Heute bin ich hier (via onlinejournalismus.de) auf den Ausdruck „Ethik 2.0“ gestoßen. Eine zu euphorische Verwendung des Ausdrucks Web 2.0 ist ja sicherlich problematisch. Wie verhält es sich aber mit dem Ausdruck „Ethik 2.0“? Ist Ethik nicht etwas, das keines Updates bedarf, bzw. sogar gegen Updates geschützt werden müsste? Um einer Antwort auf die Spur zu kommen, muss etwas weiter ausgeholt werden:

Ethik ist eine besondere Denkform, nämlich eine reflektierende, eine nachdenkende, eine theoretische Denkform. Ethik ist eine Theorie der Moral.Es gibt natürlich noch andere Ethikverständnisse. Das hier Vorausgesetzte ist aber wohl am verbreitetsten. Moral tritt als der Gegenstand von Ethik auf. Ethik wird notwendig, wenn die Moral selber strittig wird, wenn es also nicht von alleine klar ist, was verbindlich ist, was ein Gut oder ein Wert sein soll und was in Bezug auf Gerechtigkeit und gutes Leben gelten soll. Insofern ist Ethik „Nachdenklichkeit über strittige Moral“, wie das Dietmar Mieth formuliert hat.Mieth, Dietmar (2004): Kleine Ethikschule. Freiburg, Basel, Wien: Herder, S. 24.

Ethik verändert sich also, wenn Moral sich verändert. Von der Wortbedeutung her ist Moral ungefähr gleichsinnig mit dem Begriff der Sitte. Das verweist auf den Umstand, dass die Unterscheidung von gut und schlecht immer etwas mit dem allgemeinen Verständnis davon zu tun hat, was als gut und was als schlecht anzusehen ist. Die Moral, also das, was als ‚das Sittliche‘ begriffen wird, ist immer in Bewegung, wie die Gesellschaft mit ihren Institutionen und Organisationen auch.

Auf der Ebene universal gültiger moralischer Normen erkennen wir zwar sittliche Regeln, die für alle Situationen und Kontexte gelten (sollen). Moralische Konflikte spielen sich aber zumeist in je spezifischen (Alltags-)Situationen und Kontexten ab. Die Menschen erfahren normative Ansprüche an ihr Kommunizieren und Handeln in spezifischen Situationen; ihnen ist die Gestaltung des Lebens und die Bewältigung dieses Projektes konkret aufgegeben. Diese Situationen und Kontexte gilt es ethisch im Blick zu behalten (sonst würde man den ‚Kontakt‘ zum Gegenstand der Ethik verlieren), ohne dass dabei den Situationen und Kontexten eine moralisch begründende Funktion zuerkannt würde (sonst würde man den Ansprüch nicht aufrecht erhalten können, normativ zu argumentieren).

Die vorliegenden ‚Verhältnisse‘, die Lebensumstände, die gesellschaftliche Situation, die „gelebte Moral“Vgl. Eid, Volker (Hg.) (2004): Christlich gelebte Moral. Theologische und anthropologische Beiträge zur theologischen Ethik. Freiburg, Schweiz: Acadamic Press (Studien zur theologischen Ethik, 104). sind/ist also in ein Verhältnis zu bringen zum Gesollten, zum Wünschenswerten, zum Lebensförderlichen. Man könnte die Bestimmung dieses Verhältnisses (von Sein und Sollen) als das eigentliche ethische Projekt verstehen.Vgl. die Seiten 148-155 aus Filipović, Alexander (2007): Öffentliche Kommunikation in der Wissensgesellschaft. Sozialethische Analysen. Bielefeld: W. Bertelsmann (Forum Bildungsethik, 2) und meinen Vortrag bei der Tagung der Societas Ethica 2007 unter dem Titel „Die Kritik an der Unterscheidung von Sein und Sollen im philosophischen Pragmatismus“ (in Vorbereitung, vgl. die Skizze des Vortrags hier).

Wenn statt individueller Praxis eher die Gestaltung von sozialen Verhältnissen, Institutionen und Organisationen zur Debatte steht (wie etwa bei einer Sozialethik des Web 2.0), dann besteht auch hier die Anforderung, normative Vorstellungen und die damit arbeitende Sozialethik selbst im obigen Sinne veränderlich zu halten. So muss (muss!) die Sozialethik z.B. die spezifischen Bedeutungsgehalte von „sozialer Gerechtigkeit“ neuen sozialen Verhältnissen anpassen.Vgl. die Belege und die eigenen Überlegungen dazu in Filipović, Alexander (2007): Beteiligungsgerechtigkeit als (christlich-)sozialethische Antwort auf Probleme moderner Gesellschaften. In: Eckstein, Christiane; Filipović, Alexander; Oostenryck, Klaus (Hg.): Beteiligung, Inklusion, Integration. Sozialethische Konzepte für die moderne Gesellschaft. Münster, Westf.: Aschendorff (Forum Sozialethik, 5), S. 29–40. Wenn Sozialethik wirksam werden will, dann ist nach einer Reformulierung geerbter normativer Vorstellungen zu suchen. Das hat nichts mit einer affirmativen Einstellung gegenüber gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, sondern ist eine zwingende Einstellung einer Sozialethik, die nicht in einer idealen gedanklichen Parallelwelt unwirksam mit dem bloßen Verweis auf überzeitliche „Werte“ vor sich hin philosophieren möchte. Eine Anpassung überlieferter normativer Vorstellungen an gesellschaftliche Kontexte ist vielmehr die Voraussetzung, normativ argumentieren zu können.

Insofern – und hier komme ich zum Ausdruck „Ethik 2.0“ zurück – ist Ethik updatefähig und -bedürftig. Vor allem da, wo sich ganz neue Verhältnisse und Möglichkeiten ergeben (social software, Bürgerjournalismus), ist die Arbeit am nächsten Release von „Ethik“ sinnvoll und notwendig. Klar sein muss aber, dass das nächste Update sofort wieder fällig sein wird.

Forschungsprojekt „Social Software und Social Ethics“ in den Startlöchern

In den kommenden Monaten läuft am Bamberger Lehrstuhl für Christliche Soziallehre ein Forschungsprojekt zur Internetethik an. Gestern ist offenbar mein Antrag auf Förderung durch die Universität Bamberg positiv beschieden worden. Das bedeutet: Es gibt Geld für die Anstellung einer studentischen Hilfskraft für 6 Monate. Der kleine Umfang des Projektes bedeutet natürlich, dass wir nur erste Spuren legen können und sich die Arbeit dann eher als Vorbereitung für ein größeres Projekt eignet.

Worum geht es?

Wikis, Weblogs und Internet-Plattformen wie Xing, StudiVZ, MySpace sind „social software“ in dem Sinne, dass sie „auf ganz eigene Weise öffentliche (weil potenziell netzweit verfügbare) und interpersonale Kommunikation in sozialen Netzwerken unterschiedlicher Reichweite“ Schmidt, Jan (2006): Weblogs als „Social Software“. Online verfügbar unter http://www.politik-digital.de/edemocracy/netzkultur/blogger/ jschmidtWeblogsSocialSoftware060214.shtml. ermöglichen. Das Schlagwort Web 2.0 ist zwar in erster Linie ein in ökonomischen Zusammenhängen gebrauchtes Modewort, macht aber dennoch darauf aufmerksam, dass die Hoffnungen in den Anfangsjahren des Internet auf freie Information, gesteigerte Möglichkeiten der politischen Partizipation und Kommunikation erst jetzt, oder besser: in neuer Weise Wirklichkeit werden. Dabei erscheint besonders bedeutsam, dass diese sozialen Netzwerke offenbar auf Prozesse der Globalisierung reagieren. Mit Bezug auf das Glokalisierungskonzept von Roland Robertson Robertson, Roland (1995): Glocalization: Time-Space and Homogeneity-Heterogeneity. In: Featherstone, Mike (Hg.): Global Modernities. London: Sage (Theory, Culture & Society), S. 25–44. formuliert Danah Boyd:

„Web2.0 is about glocalization, it is about making global information available to local social contexts and giving people the flexibility to find, organize, share and create information in a locally meaningful fashion that is globally accessible. […] Web2.0 is a structural shift in information flow. […] it is about a constantly shifting, multi-directional complex flow of information with the information evolving as it flows. It is about new network structures that emerge out of global and local structures.“ Boyd, Danah (2005): Why Web2.0 Matters: Preparing for Glocalization. Online verfügbar unter http://www.zephoria.org/thoughts/archives/ 2005/09/05/why_web20_matte.html).

Durch diese neuen Netzwerkstrukturen gerät das Verhältnis von partikulären Wertvorstellungen bzw. Entwürfen des guten Lebens und universellen, allgemeingültigen Überzeugungen und Handlungsempfehlungen in ein neues Verhältnis vgl. ebd..

Die Weblogs ihrerseits zeigen, dass durch gemeinsame Schemata, gemeinsame Plattformen und Konventionen und eine starke Selbstreferentialität durch dauernde Bezugnahme auf andere Weblogs so etwas wie ein Sozialraum entsteht. Das Projekt Wikipedia ist im Sinne von Jimmy Wales, des Gründers der Internet-Enzyklopädie, ein sozialethisches Projekt, das eine offene Gesellschaft, eine “global healthy community”, befördern kann. Wikipedia ist damit ein weltweites gemeinsames Aufklärungsprojekt, an dem alle mitarbeiten können und das seinen Wert erst in der gemeinsamen Arbeit herausbildet Vgl. dazu auch die kurzen Notizen zu einem Vortrag von Wales hier in diesem Blog..

Fragestellung und Ziele

Wegen der aktuellen Bedeutsamkeit dieser Entwicklungen sollen Möglichkeiten der sozialethischen und sozialphilosophischen Beschäftigung mit diesem Phänomen gefunden werden. „Social Software“ soll als Gegenstand von Sozialethik rekonstruiert werden. Damit soll es möglich sein, die rasant zunehmende Forschungsliteratur aus den Bereichen Soziologie und Kommunikationswissenschaften in sozialethischer Perspektive zu beleuchten; dies nicht zuletzt mit dem Ziel, der notwendigen empirischen, darstellenden Untersuchungsmethode eine ebenso notwendige normative Reflexion zur Seite zu stellen, die Beteiligungs- und Gerechtigkeitsfragen und andere normative Politikvorstellungen wissenschaftlich verantwortet in die Diskussion einbringt.

Der sozialethische Ansatz mag für die Weblog- und Social Software-Forschung ein wenig ungewohnt sein. Ich bin selber sehr gespannt, welche Möglichkeiten sich hier ergeben und hoffe, dass es zu einem Austausch über die Ergebnisse kommt. Wer Ideen, Fragen und Anregungen hat: Bitte gerne.

Medienethik der katholischen Kirche

Die katholische wie die evangelische Kirche äußern sich regelmäßig zu medienethischen Fragen. Die Texte der katholischen Kirche erscheinen recht verstreut und werden von unterschiedlichen Akteuren erstellt und ein Überblick fällt manchmal schwer. Daher hier diese Liste. Für Ergänzungen bin ich dankbar.

Zweites Vatikanisches Konzil

  • II. Vatikanisches Konzil: „Inter mirifica“. Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel (4. Dezember 1963).
    Online Text

Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel

(Teilweise auch vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht, siehe unten unter „Reihe Arbeitshilfen“. Siehe daneben auch weitere Texte des päpstlichen Rate hier [veraltet] oder hier.)

  • Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel: Pastoralinstruktion Communio et progressio. Über die Instrumente der sozialen Kommunikation (1971). Veröffentlicht im Auftrag des II. Vatikanischen Konzils. Von den deutschen Bischöfen approbierte Übersetzung. Trier (Paulinus-Verlag) 1980.
    Online Text (alternativ)
  • Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel: Pastoralinstruktion AETATIS NOVAE zur sozialen Kommunikation 20 Jahre nach Communio et Progressio. 1992. (Arbeitshilfen. 98)
    Online Text

Botschaften der Päpste zu den Welttagen der sozialen Kommunikationsmittel

(Hier nur die Botschaften der letzten Jahre. Vergangene Jahre im Archiv der Zeitschrift Communicatio Socialis.)

  • Franziskus: Kommunikation im Dienst einer authentischen Kultur der Begegnung. Botschaft zum 48. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (2014).
    Online Text
  • Benedikt XVI.: Soziale Netzwerke – Portale der Wahrheit und des Glaubens. Botschaft zum 47. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (2013). Dokumentiert in: Communicatio Socialis Bd. 46, Nr. 1 (2013).
    Online Text
  • Benedikt XVI.: Stille und Wort: Weg der Evangelisierung. Botschaft zum 46. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (2012). Dokumentiert in: Communicatio Socialis Bd. 45, Nr. 1 (2012).
    Online Text
  • Benedikt XVI.: Wahrheit, Verkündigung und authentisches Leben im digitalen Zeitalter. Botschaft zum 45. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (2011).
    Online-Text
  • Benedikt XVI.: Der Priester und die Seelsorge in der digitalen Welt. Die neuen Medien im Dienst des Wortes. Botschaft zum 44. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel (2010). Dokumentiert in: Communicatio Socialis Bd. 43, Nr. 2 (2010).
    Online-Text
  • Benedikt XVI.: Neue Technologien – neue Verbindungen. Für eine Kultur des Respekts und der Freundschaft. Botschaft zum 43 . Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel (2009). Dokumentiert in: Communicatio Socialis Bd. 42, Nr. 3 (2009).
    Online Text 

Vgl. auch die Liste bei der DBK.

Texte herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz

a) Reihe „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls“

  • Kongregation für die Glaubenslehre: Instruktion über einige Aspekte des Gebrauchs der sozialen Kommunikationsmittel bei der Förderung der Glaubenslehre. Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn 1992. (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 106).
    Online Text

b) Erklärungen der Kommissionen

  • Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.) (2011): Virtualität und Inszenierung. Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft – Ein medienethisches Impulspapier. Bonn (Die deutschen Bischöfe – Publizistische Kommission, 35).
    Online Text

c) Reihe „Arbeitshilfen“

  • Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel: Pornographie und Gewalt in den Kommunikationsmedien. Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn 1989. (Arbeitshilfen 71).
    Online Text
  • Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel: Pastoralinstruktion AETATIS NOVAE zur sozialen Kommunikation 20 Jahre nach Communio et Progressio. 1992. (Arbeitshilfen. 98)
    Online Text
  • Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel: Ethik in der Werbung. Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn 1997. (Arbeitshilfen 135)
    Online Text
  • Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel: Ethik in der sozialen Kommunikation. Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn 2000. (Arbeitshilfen 153)
    Online Text (alternativ)
  • Bereich Pastoral des Sekretariates der Deutschen Bischofskonferenz: „Familie in den Medien – Medien in der Familie“ Familiensonntag 2002. Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn. (Arbeitshilfen 161)
    Online Text
  • Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel: Ethik im Internet – Kirche und Internet. + Anhang: Papst Johannes Paul II.: Internet: Ein neues Forum zur Verkündigung des Evangeliums : Botschaft zum 36. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel 2002. Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn. (Arbeitshilfen 163)
    Online Text

c) Reihe „Gemeinsame Texte“ (Deutsche Bischofskonferenz und Evangelische Kirche in Deutschland)

  • Chancen und Risiken der Mediengesellschaft – Gemeinsame Erklärung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), herausgegeben vom Kirchenamt der EKD und dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz als Nr. 10 in der Reihe “Gemeinsame Texte” und veröffentlicht am 30. April 1997.
    Online Text

Andere kirchliche Akteure

Niklas Luhmann als Video

Update (22.2.2013): Mitterweile hier ein neues Posting mit funktionierenden Links.

Gerade bei Media-Ocean entdeckt: Luhmann erklärt den Zettelkasten (man gut, dass ich sowas hier habe…):

Es gibt auch weitere Luhmann-Videos auf Youtube:

Niklas Luhmann über soziale Systeme (ebenfalls ein Ausschnitt aus „Beobachter im Krähennest“, Dokumentation aus dem Jahr 1989):

Und ein Luhmann-Interview von Ulrich Boehm aus dem Jahr 1973 (Uniaudimax, Sendung 28.08.1973, Kamera Bernd Maus). Gerade im Vergleich mit den anderen Dokumentationen sehr interessant: z.B. ist das Büro in Oerlinghausen noch aufgeräumter und Luhmann muss bei der Beantwortung vom Zettel ablesen. Ein interessanter Einblick in die frühe Luhmann-Phase (immerhin 11 Jahre vor „Soziale Systeme“):
Teil 1:

Teil 2:

[Update, 4.6.07:] Dieses ganze Interview ist vollkommen in der Perspektive einer Rechtfertigung Luhmanns gegenüber seinen Kritikern durchgeführt. Die bekannten Kritikpunkte werden referiert und Luhmann antwortet darauf in seiner eigenen Art. Der Schlussteil des zweiten Teils: „Herr Prof. Luhmann, welche Kritiker Ihrer Systemtheorie fürchten Sie am meisten?“ – „Die Dummen.“

Panel zu Popularisierung von Wissen (DGPuK2007)

Das letzte Panel der Tagung verspricht einige spannende Einblicke in das Problem der Popularisierung des Wissens. Zu den Beiträgen im Einzelnen (wieder als Liveblogging):

  • Susanne Kinnebrock stellt die Frage „(Politisches) Handlungsvermögen durch die Popularisierung von Wissen?“ Das Forschungsfeld ist interessanter Weise bennant mit „Politische Frauenzeitschriften im Kaiserreich und in der Weimarer Republik“. Sie beginnt mit einer Reflektion über den Wissensbegriff und erläutert, inwieweit schon um 1900 eine Wissensgesellschaft rekonstruiert werden kann. Sie sieht die besondere Bedeutung der Massenmedien in der Eröffnung des Zugangs zu Wissensressourcen (Popularisierung) in Zeiten prekärer sozialer Ungleichheit (These). Der Kontext dafür ist die Situation der Frauen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts und der These wird nachgegangen anhand einer Untersuchung politischer Frauenzeitschriften. Sie unterscheidet zwischen gängigen und Frauenzeitschriften-typischen Popularisierungsmaßnahmen (z.B. „Herstellung von Alltagsbezügen). Diese Differenzierung von Popularisierungsmaßnahmen verspricht laut Kinnebrock Erkenntnisse überd as Verhältnis von Medien, Öffentlichkeit und Aufklärung. [Als Kommentar füge ich hier an: endlich ein Beitrag, der die Frage nach sozialer Ungleichheit in der Wissensgesellschaft stellt. Popularisierung wird hier auch als Befreiungspotential gedeutet und belegt.]
  • Clemens Schwender und Dennis Mocigemba tragen über die Vermittlung des Nachhaltligkeitskriteriums im Fernsehen vor. Die Frage ist, ob man auch jungen Männern aus „bildungsfernen Schichten“ (die gerne Sendungen im Themenbereich „Toys for Boys“ schauen) dieses Kriterium vermitteln kann. Es geht also um „Ecotainment“. Sie haben dazu 8 Sendungen des Formats „Welt der Wunder“ untersucht und kodiert und mit der Veränderung der Sehbeteiligung korreliert („Nachhaltigkeit und Quote“).

Nachtrag: Diskussion und den dritten Vortrag konnte ich nicht mehr bloggen: das Netz war weg.

Panel zu Wikis und Weblogs (DGPuK2007)

Am zweiten Tag der DGPuK Jahrestagung besuche ich das Panel „Wikis und Weblogs“. Es ist so voll, dass die Leute hinten stehen müssen. Dass ich jetzt hier in meinem Weblog über Vorträge zu Weblogs schreibe, verweist ja schon auf selbstreferentielle Aspekte, die wahrscheinlich gleich angesprochen werden. Zu den Vorträgen:

  • Florian Meyer und Dennis Schoenenborn sprechen über „WikiWebs und die Organisation von Wissen“. Es geht los mit einer Einführung in das Wiki-Prinzip, damit alle auf dem gleichen Stand sind, bevor dann zu den Anwendungsbereichen in Organisationen übergeleitet wird. Die Forschungsfrage wird anhand der Unterscheidung von Wikis im öffentlichen und organisationalen Raum entwickelt. Da Organisationen auf Entscheidungen angewiesen sind, haben Wikis hier natürlich eine andere Anforderung an das in den Wikis erstellte und veröffentlichte Wissen. Eine Herausforderung für die Organisationen besteht darin, die Organisationsmitglieder auf das Wiki aufmerksam zu machen (Wiki als Organisationsleitmedium). Besondere organisationale Relevanz hat das wikieigene Spannungsfeld von Restriktion und Offenheit. Dennis Schoenenborn übernimmt dann und stellt wichtige neue Perspektiven der Organisationskommunikationsforschung vor. Eine wichtige Referenztheorie ist die Organisationstheorie von Niklas Luhmann (Organisation als Kommunikation von Entscheidungen). Folglich geht es bei Wikis in Organisationen um Entscheidungskommunikation. Mit den Wikis entsteht dann eine „Beobachtbarkeit des Entstehungsprozesses organisationalen Handelns“.

In der direkt anschließenden Diskussion geht es um die Einpassung von egalitär funktionierenden Wikis in hierarchisch strukturierten Wikis (Machtspekte), um die Bedeutung von Mitgliedsrollen und die Frage, ob das Luhmannsche Verständnis von Organisationen wirklich passt.

  • Jens Köster spricht über „Wikipedia: Informativ oder qualitativ bedenklich“? Informationen werden in ökonomischer Manier als Ressourcen begriffen. Als Schwierigkeit erweist sich, dass keine Qualitätskriterien für Lexikonartikel vorliegen, jedenfalls nicht in der wissenschaftlichen Literatur. Hier soll eine Untersuchung von journalistischen Qualitätskriterien weiteren Aufschluss geben. Das ergibt einige interessante Perspektiven auf die Erstellung von Wikipedia-Einträgen, die ja auch z.B. recherchiert, geprüft und redigiert werden. Folgende Qualitätskriterien werden vorgestellt: Objektivität, Verständlichkeit, Vollständigkeit und mediengerechte Themenaufbereitung (in Bezug auf die Möglichkeiten des Internets. Ergebnis der Untersuchung: Die Qualität der Einträge ist sehr heterogen. Gute Qualität erkennt er z.B. hinsichtlich Verständlichkeit, eher schlechte in der Dimension Quellenangaben.
  • Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke stellen Ergebnisse eines Forschungsprojektes zur Frage nach „Weblogs und Wikipedia als Quelle und Thema des Journalismus“ vor. Einführend werden die partizipativen Formate im Web 2.0 angerissen und dem Journalismus gegenübergestellt. Zur Debatte steht also die Beziehung zwischen partizipativen Formaten und dem Journalismus. Gibt es also integrative Tendenzen, ein komplementäres Verhältnis, Kooperationsverhältnisse oder eine Konkurrenz zwischen beiden Formaten. Christian Nuernbergk stellt zunächst die Methodik, die Anlage und die Dimensionen des Forschungsprojektes vor. Das Fazit: Es gibt viele Hinweise auf ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Weblogs und Journalismus.

Im Austausch nach den beiden Beiträgen kommen methodische Fragen, die Problematik des Wikipediagebrauchs durch Journalisten, neue Anforderungen zur Herstellung von Öffentlichkeit durch Journalisten und die Qualitätskriterien von Wikipedia-Artikeln zur Sprache.

Ein interessantes Panel mit einer munteren und spannenden Diskussion.

Panel zur Soziologie der Wissensgesellschaft (DGPuK2007)

Nach Kaffee, 2 Bountys und interessanten Pausengesprächen geht es live von der Tagung weiter. Das Panel 6 zur „Soziologie der Wissensgesellschaft“ ist ziemlich voll. Zu den einzelnen Vorträgen:

  • Gerhard Vowe spricht über „‚Wissensgesellschaft‘ – ein Konzept in der Konkurrenz“. Zunächst gibt er einen kurzen Überblick über die Karriere des Konzepts der Wissensgesellschaft, um diesem dann das Konzept der Mediengesellschaft gegenüberzustellen. Wurzeln des Konzepts sieht Vowe zunächst in der Massengesellschaft, „Mediengesellschaft“ kann sich aber erst etablieren, als es sich in Distanz zum Begriff der „Masse“ begibt. Medien seien die Achse, um die sich Gesellschaft drehe. Schlüsselressource dafür ist die Medienkompetenz. Interessant ist dann im Folgenden die Verwendung der verschiedenen Kozepte in der Fachöffentlichkeit und in der medialen Alltagskommunikation. Fazit: Letztlich stellen alle Konzepte die Frage: „Wie ist Gesellschaft möglich“.
  • Mark Eisenegger und Kurt Imhof tragen vor „Zur sinkenden Halbwertszeit wissenschaftlichen Wissens oder wie die Wissenschaft zunehmend um ihre Reputation bangen muss“. Sie formulieren die These, dass Wissenschaft „seit den 1970er Jahren mit wachsenden Legitimationsproblemen in der öffentlichen, medienvermittelten Kommunikation“ kämpft. DIe Ursachen der fortschreitenden Prolematisierung von Wissenschaft sehen sie im Wertewandel durch soziale Bewegungen, in der „Ausdifferenzierung der Medien aus der Politik“ und neuen „Selektions- und Interpretationslogiken“. Im Fokus liegen im Folgenden die „Regularitäten der Wissenschaftsberichterstattung“, die durch eine qualitative Medieninhalts-Analyse erfasst wurden. Als Erebnis werden die Aspekte der „medialen Problembewirtschaftung des Wissenschaftssystems“ präsentiert.

In der anschließenden Diskussion werden beide Vorträge besprochen. Zur Debatte steht unter anderem die methodische Validität der Untersuchung von Eisenegger und Imhof. Mir selbst kommt – um mal einen persönlichen Kommentar einzufügen – die Überzeugung suspekt vor, dass wissenschatliches Wissen der wichtigste Wissenstypus moderner Gesellschaten sei. Da scheint mir doch ein zu starker (Fortschritts-)Optimismus vorzuliegen von dem, was Wissenschaft in und für die Gesellschaft leisten kann und soll.

  • Die Perspektive wechselt in dem Beitrag von Diana Ingenhoff und Katharina Sommer hinüber zu einer organisationalen. Es geht um „Ethische Organisationskommunikation und das Managen von Reputation“. Dabei kommen statistische Mehtoden zum Zuge. Sie gehen von einer neuen Dynamik organisationaler Reputationsrisiken aus. Erste Forschungsfrage ist die Problematik, wie Reputation spezifiziert und überhaupt gemessen werden kann. Sie messen dabei der affektiv-emotionalen Komponente eine besondere Bedeutung zu, insofern sie abhängig ist von funktional- und sozial-kognitiver Reputation.

[Da jetzt Frau Sommer gerade die Methoden der Untersuchung darstellt und ich von „Konsistenzreliabilität (Cronbachs Alpha)“ etc. rein gar nichts verstehe und konzentrationsmäßig schlapp mache (wie zudem mein Akku) breche ich diese Zusammenfassung ab. Morgen geht es weiter.]

Erste Eindrücke von der DGPuK Jahrestagung

Dank freiem Netzzugang für alle bei der DGPuK-Jahrestagung in Bamberg zum Thema „Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft“ versuche ich mal das Live-Blogging.

Nach einer luciden Keynote von Walter Hömberg über die Geschichte des Wissens und das Konzept der Wissensgesellschaft („früher ging es um das Empor-Lesen, heute geht es ums Downloaden“; „neben künstlicher Intelligenz gibt es ja auch natürliche Dummheit“) habe ich mit Spannung den Vortrag von Jimmy Wales, dem Gründer von Wikipedia, verfolgt. Sein Enthusiasmus zur Chance gemeinsamer Arbeit an Enzyklopädien und anderen gemeinschaftsbezogenen Projekten war sehr ansteckend. Letztlich ist Wikipedia im Sinne von Jimmy Wales ein sozialethisches Projekt, das einer offenen Gesellschaft zwar bedarf, aber auch eine offene Gesellschaft, eine „global healthy community“, befördern kann. Wikipedia ist damit ein weltweites gemeinsames Aufklärungsprojekt – eine Menge Idealismus, der aber glücklich macht.

Jetzt sitze ich im Panel 3 zu „Wissen und Kompetenzerwerb“ und lausche den Beiträgen. Im Einzelnen

  • Bernhard Pörksen fordert, angeregt durch neue Kompetenzforderungen an Journalisten, ein neues Nachdenken über eine Fachdidaktik der Journalistik. Dies könne einer Profilbildung des Faches zuträglich sein, einen neuen Zugang zur Theorie-Praxis-Integration gewähren und natürlich einer Verbesserung der Lehre befördern.
  • Marion G. Müller knüpft an Pörksens Komptenz-Begriff an und spricht gerade über „Visuelle Kompetenz in der Wissensgesellschaft“. Anhand der dänischen Mohammed-Karikaturen belegt sie die Bedeutung dieser Kompetenz in der Gegenwartsgesellschaft. Ein weiteres, für mich sehr relevantes Beispiel, sind menschliche Leidensausdrücke auf Fotografien. Ihr Plädoyer für eine professionelle visuelle Kontextanalyse zielt auf eine zu fördernde visuellen Komtenz.
  • Martin Emmer und Jens Wolling tragen über die Informationskanäle unserer Studierenden vor. Basis ihrer Ausführungen zur Wissenschaftskommunikation ist zunächst eine Befragung unter DGPuK-Mitgliedern. Interessanter noch ist eine ähnliche Befragung von 811 Studierenden zu ihren Informationsquellen. Zu den Wegen der Informationsbeschaffung: Google und Wikipedia sind vor lokalen Bibliothekskatalogen die wichtigste erste Informationsquelle. Auch im Verlauf dieses Studiums bleibt diese Präferenz gleich. Das Plädoyer der beiden Vortragenden: Die Präferenz der Nutzer sollte akzeptiert werden und es ist ein attraktives und hochwertiges Onlineangebot anzustreben.

In der Diskussion zu allen drei Vorträgen geht es um didaktische Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten (Praktiker in der Universität, bzw.: Wer kann besser Journalismus lehren) und um die Produktionsanalyse von Bildern als Teil einer visuellen Kontextanalysen und ihrer methodischen Schwierigkeit.

Dissertation zur Medienethik erschienen

Fast exakt ein Jahr nach meiner Promotion ist die Dissertationsschrift nun im W. Bertelsmann Verlag erschienen. Die Arbeit versucht eine Medienethik zu entwickeln, die der heutigen gesellschaftlichen Situation Rechnung trägt. Wichtige Schlagworte sind Wissensgesellschaft, Wissen, Wissensvermittlung, Literalität (literacy), Bildung, Erziehung, öffentliche Kommunikation, Medien, Ethik, Theologie und Beteiligung und Beteiligungsgerechtigkeit. Wichtige Referenzautoren sind u.a. Niklas Luhmann, Manfred Rühl, Joachim Kade, Ingrid Nolda, Marianne Heimbach-Steins, Thomas Hausmanninger. Der – natürlich immer recht zugespitzte Klappentext – lautet:

Heute vermitteln die Medien das Wissen zwischen der Gesellschaft und den Individuen. So sprechen Soziologen von einer Wissensgesellschaft. Die individuellen Möglichkeiten, sich dieses Wissen anzueignen, sind maßgeblich für die Lebenschancen: Sie entscheiden über den Bildungsstand, die Möglichkeiten im Erwerbsleben und das Einkommen, über die Gestaltungsmöglichkeiten und die Teilnahme im gesellschaftlichen und politischen Leben.
Alexander Filipovic analysiert und bewertet gesellschaftliche Trends, Bildung und die Medien aus der Perspektive der Beteiligungsgerechtigkeit, wie die christliche Sozialethik sie vertritt. Daraus leitet er eine Medienethik ab, die eine gerechte Vermittlung und Aneignung von Wissen fordert.

Dass die akademische Zweckschrift jetzt vorliegt, macht mich natürlich froh. Unglaublich viel Arbeit steckt dahinter. Vielleicht, so die Hoffnung, stößt die Arbeit ja im medienethischen, kommunikationswissenschaftlichen, (theologisch-)sozialethischen und bildungsethischen Bereich auf Interesse. Über Kommentare und/oder eine Auseinandersetzung über die Thesen und Ergebnisse freue ich mich natürlich. Nähere Informationen, auch zum Inhalt, hier.
PS: Ach ja, kaufen kann man das Buch natürlich auch. Kostet nur 29,90 € (Schnäppchen!). Schnell zuschlagen – es sind nur 400 Exemplare produziert worden 😉

[Update 14.06.2007]: Mittlerweile gibt es auch das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe (Einführung) als *.pdf.

Wenn der Weihbischof ein Weblog hat…

Gerade lese ich in Steffen Büffels Media-Ocean mit Erstaunen, dass der Trierer Weihbischof Dr. Stephan Ackermann ein Weblog gestartet hat. Der Name des Blogs, nämlich „Heilig-Rock-Blog“ sagt dem/der Kundigen der Volksfrömmigkeit schon, worum es geht, nämlich um das Stückchen Stoff, das Jesus Christus weiland am Leibe getragen hat. Mein Opa jedenfalls schwärmte bis zu seinen letzten Lebenstagen von seiner Fahrt zum Heiligen Rock nach Trier (was ca. Mitte der 1930er Jahre gewesen sein muss…). Kostprobe:

„Zur Domvesper am Abend sind dann die Mönche der Abtei St. Matthias zu Gast. Nach guter Tradition besuchen sich die Domgeistlichen und die Benediktiner wechselseitig jedes Jahr. Beide Gemeinschaften haben den Auftrag, auf je ihre Weise die christlichen Wurzeln Triers zu hüten: das Apostelgrab, die Gräber der ersten Trierer Bischöfe und die Anfänge des Domes unter Kaiser Konstantin. Dieser Auftrag verbindet irgendwie.“ (Quelle)

Den Stil finde ich ansprechend und das Weblog ist für Besucherinnen und Besucher des Events „Heilig Rock Tage 2007“ (mit dem sinnfälligen Motto „Auf Tuchfühlung mit Gott“) bestimmt informativ.

Und wenn jetzt noch ein Bischof ein Weblog startet, in dem er reflexiv über Leitungsentscheidungen, Projekte und Zukunftsaufgaben schreibt und Raum für Diskussionen und Meinungen bereitstellt, gibts noch mehr Zustimmung…

Update: Nur Schade, dass sich gleich wieder Schwachstilluminierte in den Kommentaren verbreiten… Zitat aus Kommentar Nr. 7: „neosadduzäischen Pseudokardinal Belzebub-Rattzinger“. Ähh, gehts noch? Vielleicht ist das ja morgen weg.