Infrastrukturen der Vorhersage: Big Data in medienethischer Perspektive

Die Aufdeckung der Ausspähungen der Geheimdienste („NSA-Skandal“), die Bedeutung von Big Data und eine massiv sich entwickelnde Datenökonomie haben mittlerweile das Tableau medienethischer Herausforderungen verschoben und das Problem mit den Daten in den Vordergrund gerückt. Ethisch über Medien, Kommunikation und Öffentlichkeit zu reden bedeutet in den Tagen #SeitSnowden, über die Freiheit des Netzes und die informationelle Selbstbestimmung zu reflektieren.

In einem Vortrag, den ich am 25.06.2014 beim XIII. Tag der Medienethik an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart gehalten habe (Programm), betone ich, wie sehr Big Data, NSA-Skandal und der durch Digitalisierung vorangetriebene Medienwandel zusammen in den Blick genommen werden müssen. Medienethik beschäftigt sich nach wie vor mit klassischen Fragen – aber situiert sind diese Fragen heute auf einem Terrain, das durch Big Data, unrechter Geheimdiensttätigkeit und Digitalisierung/Mediatisierung markiert wird.

Hier gibt es den Vortrag als PDF. Über den XIII. Tag der Medienethik an der Hochschule der Medien wird auch hier und hier berichtet.

Native Advertising als medienethisches Problem

Native Advertising bei der dt. Huffington Post

Native Advertising bei der dt. Huffington Post (Screenshot vom 2.5.14)

Seit Stefan Niggemeier am 21. April 2014 bei Spiegel Online die Native Advertising-Praxis kritisiert hat (siehe hier, hier und hier), wird eine in den USA recht rege geführte Debatte nun auch in Deutschland intensiver ausgetragen. Es geht im Prinzip um als redaktionelle Beiträge getarnte Werbetexte, die anstelle von Bannerwerbung online publiziert werden und dem „Journalismus“ (hier zunächst im breitest denkbaren Sinne verwendet) aus der Finanzierungsklemme helfen sollen. Native Advertising ist in den Worten von Dan Greenberg

„defined as ad strategies that allow brands to promote their content into the endemic experience of a site in a non-interruptive, integrated way.“

Klar: Bannerwerbung klickt keiner und sieht kaum ein Mensch. Ein nett geschriebener Text im gleichen Layout interessiert eher. Wo ist das ethische Problem?

Zunächst fand Stefan Niggemeiers Posting deshalb Resonanz, weil er dem Spiegel Doppelmoral vorwerfen konnte: In der Ausgabe 17/2014 (19.4.2014, S. 134f.) findet sich unter der Überschrift „Seelen-Verkäufer“ ein Artikel, der diese Werbepraxis ausdrücklich ablehnt. Auch im Spiegel, so zitiert Niggemeier das Magazin, solle es solche Werbeformen nicht geben. Allerdings konnte er auch zeigen, dass in Spiegel Online schon seit längerem West Lotto im Gewand der redaktionellen Beiträge z.B. den Eurojackpot bewirbt (gekennzeichnet mit „Ein Service von West Lotto“). Die Kolumne ist mittlerweile vom Netz, Spiegel hat sich entschuldigt.

Ein Thema ist das Native Advertising aber auch, weil jetzt „sogar“ die New York Times diese Werbeform anwendet (Native-Advertising-Beispiel der NYT). Das war auch der Aufhänger des Spiegel-Artikels. In den USA wird die Debatte aber schon eine ganze Weile geführt. Deutlich wird dabei bei allen Diskussionen im journalistischen Kontext die schwierige Suche nach neuen und besseren Finanzierungsmodellen für Online-Journalismus. Wo der Finanzierungsdruck steigt, da wächst die Bereitschaft, Schleichwerbung zu erlauben. Damit wird auch das meines Erachtens größte ethische Problem in dieser Sache deutlich: Es ist die radikale Abhängigkeit des Journalismus von der Wirtschaft, die durch ihre Werbung die ganze Veranstaltung überhaupt erst finanziert. Es handelt sich hier um ein entscheidendes gesellschaftliches Problem: Wenn wir noch der Meinung sind, dass Journalismus und die öffentliche Kommunikation entscheidend für das Funktionieren von demokratischen Gesellschaften sind und gleichzeitig sehen, dass Redakteure Werbeanzeigen für die eigene Seite schreiben, sich dafür teuer bezahlen lassen und diese Anzeigen dann als solche verschleiern… Ist dann nicht der ganze privatwirtschaftlich betriebene und zumal in digitalen Zeiten von Anzeigen abhängige Journalismus überhaupt ein großes „Native Advertising“?

Der Gesetzgeber und die entsprechenden Selbstkontrolleinrichtungen (vgl. dazu den medienethischen Aufsatz zu Advertorials von Nina Köberer) haben den Trennungsgrundsatz kodifiziert, nach dem Werbung als „Anzeige“ zu kennzeichnen ist. Nina Köberer weist im Zusammenhang mit einer Untersuchung zu Jugendmedien nach, dass dies erstens nur sehr unvollständig tatsächlich auch geschieht und zweitens auch bei Kennzeichnung der Advertorials die Jugendlichen zu einem großen Teil gar nicht bemerken, dass es sich um Werbung, also um wirtschaftliche partikulare Interessen, handelt. Ziemlich desaströs…

Es geht also um „the Ethics of Using Paid Content in Journalism„. Online wird das Problem stärker werden und medienethisch vermutlich daher noch drängender. Neben den angedeuteten sozialethischen Problemen liegt das medienethische Problem natürlich vor allem darin, dass die Menschen getäuscht werden sollen. Wer getäuscht wird, kann nicht vernünftig und nicht moralisch handeln, seine Autonomie ist bedroht. Sich bei den Menschen einen Zugang zu erschleichen mit einer Werbebotschaft ist unmoralisch und verkauft die Menschen für dumm. Ob Native Advertising negativ auf die Unternehme zurückfällt – das bleibt zu hoffen.

 

 

Medienethische Fragen zur digitalen Vermessung der Welt – Big-Data-Seminar an der HfPh

Diese Woche geht hier an der Hochschule für Philosophie der Vorlesungs- und Seminarbetrieb wieder los. Heute ist die erste Sitzung unseres Medienethik-Seminars „Big Data: Medienethische Fragen zur digitalen Vermessung der Welt“, das ich zusammen mit meinem Kollegen und Mitarbeiter Christopher Koska durchführe. Hier der Ankündigungstext:

Bereits 2008 hat die Anzahl der Gegenstände, die mit dem Internet verbunden sind, die Anzahl der Weltbevölkerung überschritten. 90% aller weltweit verfügbaren Daten sind nach einer Studie von IBM in den letzten zwei Jahren entstanden. 2015 soll es, laut einer Studie von Intel, doppelt so viele Netzwerkgeräte geben, wie Menschen auf der Erde. All diese Geräte erzeugen über ihre Sensoren und über die Menschen, die sie benutzen, eine unvorstellbar große Datenmenge (Big Data). IT-Konzerne, Regierungen, Behörden und Institutionen sammeln und analysieren diese Daten, erstellen Personenprofile, filtern, vermarkten oder verkaufen Informationen. Gegenstand des Seminars sind die öffentlichen und privaten, ökonomischen und staatlichen Interessen im Prozess der Etablierung von Big-Data-Technologien bzw. der Informationssuche/-beschaffung. Ziel ist es aktuelle Konflikte zu analysieren, Chancen und Herausforderungen kritisch zu hinterfragen und Kriterien für deren Beurteilung zu begründen.

Das Programm ist ganz wesentlich von Christopher Koska konzipiert worden, der ein medienethisches Forschungsprojekt (Dissertation) zu diesem Themenfeld in Angriff genommen hat. Weitere Informationen zum Programm bei Interesse direkt bei Christopher Koska. Hier die zwanzig wichtigsten Bücher zu Big-Data1 (alle in der Hochschul-Bibliothek vorhanden):

  • Angwin, Julia (2014): Dragnet Nation: A Quest for Privacy, Security, and Freedom in a World of Relentless Surveillance.
  • Bunz, Mercedes (2012): Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen.
  • Davis, Kord (2012): Ethics of Big Data: Balancing Risk and Information.
  • Flusser, Vilem (2000): Ins Universum der technischen Bilder.
  • Geiselberger, Heinrich /Moorstedt, Tobias (Hrsg.) (2013): Big Data: Das neue Versprechen der Allwissenheit.
  • Grimm, Petra /Capurro, Rafael (Hrsg.) (2008): Informations- und Kommunikationsutopien.
  • Han, Byung-Chul (2013): Im Schwarm: Ansichten des Digitalen.
  • Krotz, Friedrich (Hrsg.) (2007): Mediatisierung: Fallstudien zum Wandel von Kommunikation.
  • Krotz, Friedrich /Hepp, Andreas (Hrsg.) (2012): Mediatisierte Welten: Forschungsfelder und Beschreibungsansätze.
  • Kuhlen, Rainer/ Semar, Wolfgang/ Strauch, Dietmar (Hrsg.) (2013): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation: Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und -praxis.
  • Lanier, Jaron (2010): Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht.
  • Mainzer, Klaus (2014): Die Berechnung der Welt: Von der Weltformel zu Big Data.
  • Mayer-Schöneberger, Viktor /Cukier, Kenneth (2013): Big Data: Die Revolution, die unser Leben verändern wird
  • Morozov, Evgeny (2011): The net delusion : how not to liberate the world.
  • Morozov, Evgeny (2013): Smarte neue Welt: Digitale Technik und die Freiheit des Menschen.
  • Pariser, Eli (2012): Filter Bubble: Wie wir im Internet entmündigt werden.
  • Schmidt, Eric/ Cohen, Jared (2013): Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft.
  • Stichler, N. Richard/ Hauptmann, Robert (Hrsg.) (2009): Ethics, Information and Technology: Readings.

Neben den Themenbereichen „Journalismus/Öffentlichkeit/Demokratie“ und „Unterhaltung und Medien“ ist der Bereich „Internet/Information/Digitale Technologie“ der dritte Schwerpunkt meiner Arbeit am Lehrstuhl für Medienethik.

  1. Ob das die 20 wichtigsten Bücher sind, weiß ich natürlich nicht und ist nur eine Formulierung für die Suchmaschinen – es sind ja noch nicht einmal genau 20… 😉 Aber aus der Fülle der jüngeren und jüngsten Literatur erschienen uns diese Titel als zentral und für das Seminar besonders geeignet.

Das Problem mit den Daten

Über Datenschutz, Totalüberwachung und das gute Internet habe ich für das Magazin der Zeitungsgruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung (Wikipedia-Eintrag, Internetauftritt) neulich einen umfangreichen Beitrag geschrieben. Mit freundlicher Genehmigung der Zeitung darf ich hier das PDF des Beitrags „Das Problem mit den Daten“ zur Verfügung stellen.

Der Beitrag ist erschienen am 22.3.2014 auf S. 1 des Magazins zum Wochenende der Zeitungen der Mediengruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung. Im Internet ist er nur hinter der Bezahlschranke als EPaper erhältlich.

Algorithmen-Ethik und ein ahnungsloses Huhn

Johannes Boie schreibt heute (7.3.3014) auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung über die Gefahren von Algorithmen, Big Data und über ein Huhn. Titel: „Die Seele gibt’s gratis“ (offenbar noch nicht online). Zum Huhn später mehr. Zunächst zur Algorithmen-Ethik: Es ist gut, dass mit Yvonne Hofstetter eine Person über die Gefahren einer algorithmisierten Welt aufklärt, die vermutlich wirklich weiß, was mit Big Data, schlauer Auswertung und riesiger Rechenkapazität alles möglich ist. Sie ist Chefin der Firma Teramark Technologies, eine Firma, die sich auf die Auswertung großer Datenmengen spezialisiert hat. Und als eine solche Expertin kommt sie oft zu Wort, in der FAZ, der TAZ, in 3SAT und bei Beckmann in der ARD.

In dem Artikel sind drei Gründe für die aktuellen Gefahren festgehalten:

  1. Immer mehr Daten durch Online-Kommunikation und datenliefernde vernetzte Dinge.
  2. Die explodierende Leistungsfähigkeit „künstlicher Intelligenz“.
  3. Verknüpfung von ursprünglich an verschiedenen Stellen angefallenen Daten, etwa durch die Geheimdienste (sofern sie nicht zugänglich vorliegen), aber auch durch Versicherungen, Steuerbehörden, Google, Facebook, die Post, etc.

Der Artikel kommt aber in der Frage, wo jetzt eigentlich genau das Problem liegt, nicht so recht auf den Punkt. Drei richtige Gedanken werden angedeutet:

  1. Die Algorithmen filtern unseren Weltzugang, wenn sie nach Hofstetter „einzig berechnen“, „für welche Informationen ein Mensch bezahlen wird. Folglich wird der Algorithmus entscheiden, ihm andere Informationen vorzuenthalten“. Hier geht es also um die versteckte und nach ökonomischen Regeln ablaufende Übernahme der Gatekeeper-Funktion, die wir bisher und auch in Zukunft doch lieber gerne einem professionellen Journalismus, einer Lexikonredaktion oder der Wissenschaft, also jedenfalls Menschen statt Maschinen, vorbehalten wollen.
  2. Den zweiten Gedanken steuert Evgeny Morozov bei: Die Frage der Algorithmen betrifft eine menschenrechtliche Dimension („Privatsphäre, Datensicherheit, Meinungsfreiheit“), für deren Schutz die Staaten die Verantwortung tragen. Das „autoritäre System“ der Algorithmen aber verletze diese individuellen Rechte.
  3. Der dritte Gedanke schließlich kommt von Frank Schirrmacher: Die Journalisten hätten längst gar keine Gelegenheit mehr für eine kritische Distanz zur Digitalisierung bzw. Algorithmisierung, weil ihr Berufs-Alltag selbst schon von den Algorithmen abhängt.

Der Artikel steht natürlich in aktuellem Zusammenhang mit Enzensbergers Regeln gegen für die digitale Welt (vgl. auch dazu diesen lesenswerten Text) und Martin Schulz‘ Warnung vor dem „technologischen Totalitarismus“ (vgl. auch Christian Lindners Text dazu).

In der Medienethik, meinem Fach, wird über das Thema auch nachgedacht. Ich halte den Freiheitsaspekt für entscheidend und habe in einem Aufsatz zum Thema Algorithmen Ethik ausgeführt, dass die Folgen der Digitalisierung oder Algorithmisierung der öffentlichen Kommunikation Auswirkungen haben auf die Freiheit öffentlicher Kommunikation. Ich plädiere statt der Enge des individuellen, durch Algorithmen geführten Mediengebrauchs für die Weite einer offenen und gemeinschaftlichen Kommunikationswelt. In einem Satz: Die Problematik der Algorithmen liegt darin, dass sie unsere Freiheit einschränken können. Ob sie unsere Handlungsspielräume vergrößern, oder aber (um das böse Wort zu benutzen) uns alle informationell gleichschalten, hängt von uns und unserer Politik ab.

Und wer in München ansässig ist: Im kommenden Sommersemester (2014) veranstalte ich zusammen mit meinem Mitarbeiter Christopher Koska ein Seminar dazu mit dem Titel: „Big Data: Medienethische Fragen zur digitalen Vermessung der Welt“ (Mittwochs 15-17 Uhr).

Jetzt aber noch zum Huhn: Der Artikel gefällt mir dort nicht, wo er ein wenig zu weltverschwörerisch rüberkommt und andeutet, dass die Algorithmen die Macht schon übernommen haben. Es ist ja durchaus schlimm, aber es sind immer noch Menschen, die die Dinger programmieren, laufen lassen und für ihre Zwecke benutzen. Und augenscheinlich ist diese Seite 3 ein ziemlich bemühter Versuch, die intellektuelle Diskussion über die Folgen der Digitalisierung, die im wesentlichen in der FAZ läuft, in die SZ zu transportieren. Und jetzt aber endlich wirklich zum Huhn… Schon klar: das Huhn im ländlichen Idyll des Gartens von Frau Hofstetter ist als radikal analoges, kaum intelligentes Geschöpf ein tolles Gegenbild zu den superschlauen digitalen Algorithmen in den kalten Kellern der Rechenzentren. Aber hätten diese Sätze sein müssen: „Ein Huhn stakt über die Terrasse.“ – „Aus dem Augenwinkel kann man dabei das Huhn beobachten.“ – Draußen plustert sich das Huhn auf.“ – „Man denkt an Yvonne Hofstetter und das Huhn in Zolling…“ – „Im Garten das ahnungslose Huhn.“? – Nein. Ich denke nicht.

Literaturliste zum Thema (Auswahl):

  • Bunz, Mercedes (2012): Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen. Berlin: Suhrkamp (edition unseld, 43).
  • Dang-Anh, Mark; Einspänner, Jessica; Thimm, Caja (2013): Die Macht der Algorithmen – Selektive Distribution in Twitter. In: Martin Emmer, Alexander Filipović, Jan-Hinrik Schmidt und Ingrid Stapf (Hg.): Echtheit, Wahrheit, Ehrlichkeit. Authentizität in der Online-Kommunikation. Weinheim, Basel: Beltz Juventa (Kommunikations- und Medienethik, 2), S. 74–87.
  • Dreyer, Stephan; Heise, Nele; Johnsen, Katharina (2014): „Code as code can“. Warum die Online-Gesellschaft einer digitalen Staatsbürgerkunde bedarf. In: Communicatio Socialis 46 (3-4). Online verfügbar unter http://ejournal.communicatio-socialis.de/index.php/cc/article/view/71/67.
  • Filipović, Alexander (2013): Die Enge der weiten Medienwelt. Bedrohen Algorithmen die Freiheit öffentlicher Kommunikation? In: Communicatio Socialis 46 (2), S. 192–208. Online verfügbar unter http://ejournal.communicatio-socialis.de/index.php/cc/article/view/93/89.

 

Menschengerechte Demokratie. Das neue Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften

Eine schöne Aufgabe meiner Münsteraner Zeit (bis August 2013) war die Schriftleitertätigkeit beim Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften (vgl. auch den Wikipedia-Artikel). Durchaus eine herausfordernde Aufgabe, denn man hat immer zwei umfangreiche Bände in Vorbereitung, Druck oder Planung. In meiner Zeit am ICS in Münster mussten wir das Jahrbuch ziemlich umkrempeln und haben die Chance genutzt, das traditionsreiche Organ für heutige wissenschaftliche Publikationserfordernisse zu gestalten.

Das bedeutete neben der Einführung eines Peer-Review-Verfahrens vor allem, eine Online-Plattform zu schaffen und das Jahrbuch parallel zur Printausgabe auch online zu publizieren. In Zusammenarbeit mit der ULB Münster und mit Förderung durch die DFG ist uns das mit der Publikationssoftware OJS prima gelungen. Nicht nur werden unter www.jcsw.de die laufenden neuen Bände publiziert. Wir konnten auch alle bisher erschienenen Bände seit 1968 digitalisieren und so der (wissenschaftlichen) Öffentlichkeit für Recherchezwecke zur Verfügung stellen. Alles in allem ein zwar sehr zeitintensives, aber lohnendes Projekt.

Das neue Jahrbuch 54 (2013)

Das neue Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften hat den thematischen Schwerpunkt „Demokratie“. Der Band ist dem Münsteraner Sozialethiker und Soziologen Karl Gabriel zum 70. Geburtstag gewidmet.

Zusammen mit Anna Maria Riedl habe ich einen Literaturbericht (peer-reviewed) beigesteuert: Der Text mit dem Titel „Demokratie und Christliche Sozialethik. Demokratie als Thema der deutschsprachigen katholischen Sozialethik nach 1945 – ein Literaturüberblick“ verfolgt das Ziel, einen kritischen Überblick über Texte aus dem Bereich der katholischen Christlichen Sozialethik zum Thema Demokratie zu geben. Startpunkt ist im zweiten Kapitel die Suche der katholischen Kirche nach einem neuen Verhältnis zur Demokratie in der Nachkriegszeit. Im dritten Kapitel werden die christlich-sozialethischen Beiträge bis Mitte der 1960er Jahre behandelt, also bis zu den sozialen Umbrüchen der späten 60er Jahre und bis zu den unmittelbaren Impulsen des II. Vatikanums. Eine weitere Zäsur kann dann mit dem Zerfall des Ostblocks und dem Fall der Berliner Mauer ab Mitte bzw. Ende der 1980er Jahre gesetzt werden (viertes Kapitel). Im abschließenden Ausblick kommt der Text zu dem Ergebnis, dass es an einer expliziten ethisch-theoretischen Auseinandersetzung mit der Demokratie in der Christlichen Sozialethik mangelt.

Neben dem korrespondierenden Text meines Freundes und Kollegen Christian Polke („Protestantische Ethik und Demokratie. Ein deutschsprachiger Literaturbericht seit 1945„) gibt es ein paar weitere Highlights im Band:

Der Band kann über den Buchhandel (ISBN 978-3-402-10986-1    , Aschendorff Verlag) oder direkt beim Verlag bezogen werden. Die Texte werden 12 Monate nach Veröffentlichung dann frei online erreichbar sein (also ab 1.1.2015).

Eine Recherche, die zu einem Freitod führte – Medienethische Aspekte einer tragischen Geschichte

Screenshot von http://grantland.com/features/a-mysterious-physicist-golf-club-dr-v/

Es begann mit einer Recherche zum Geheimnis eines „magischen“ Golfschlägers und endete mit dem Freitod der Protagonistin der Reportage. Was ist die Geschichte dahinter und wie lässt sich medienethisch darauf reagieren? Den Fall hat jetzt Hakan Tanriverdi für das Magazin „journalist“ aufgeschrieben.

Das Sport-Blog Grantland veröffentlichte am 14.1.2014 eine Reportage mit dem Titel „Dr. V’s Magical Putter„, geschrieben von dem freien Journalisten Caleb Hannan. Zunächst ging es dem Autor um das Rätsel des magischen Putters. Im Zuge seiner Arbeit an dem Artikel verwandelte sich die Geschichte aber zu einem Rätsel über die Erfinderin des Putters, Dr. V. Diese hatte sich gegenüber Hannan einen Bericht über ihre Person verbeten und wollte nur über den Putter sprechen. Dies hat der Journalist akzeptiert, später aber missachtet: Er fand heraus, dass Dr. V über ihre Vergangenheit die Unwahrheit gesagt hatte, dass sie eine male-to-female Transgender ist und wollte Dr. V mit den Rechercheergebnissen konfrontieren.

Der Text schlug hohe Wellen, wurde erst gefeiert, dann stark kritisiert. Der berechtigte Vorwurf: Die Geschichte ist gegenüber transgender-issues unsensibel und der Journalist hätte den Wunsch Dr. V’s, nicht über ihre Person zu berichten, berücksichtigen müssen. Der Chef von Grantland, Bill Simmons, hat dann einen äußerst bemerkenswerten Text verfasst, in dem er die Schuld für den Tod und die misslungene Reportage auf sich nimmt („The Dr. V Story: A Letter From the Editor„). Ein Text, in dem das journalistische Ethos präzise deutlich wird und sich eine beispielhafte, der Humanität verpflichtete journalistische Verantwortung zeigt. Originaltext und der Beitrag von Simmons sind und bleiben beide online: Als Dokumentation eines schrecklichen Fehlers und mit dem Ziel, dass Journalisten daraus lernen. Ich werde diesen Fall sicher noch oft in medienethischen Seminaren zur journalistischen Ethik benutzen.

Den Fall um die Reportage und Dr. V’s Freitod hat jetzt Hakan Tanriverdi (Twitter: @hakantee) für das Magazin „journalist“ aufgeschrieben. Titel: Eine Lüge, ein Geheimnis und eine Tragödie. Durch seine Anfrage nach einer medienethischen Einschätzung dazu bin ich auf die tragische Geschichte aufmerksam geworden. Alles weitere, auch meine Meinung dazu, in Hakan Tanriverdis lesenswertem Text.

Interview zur Medienethik-Professur

In der Radiosendung „Impuls“ des SWR2 ist heute ein Interview mit mir gesendet worden. Es geht um den neuen Lehrstuhl für Medienethik an der Hochschule für Philosophie und welche Schwerpunkte ich als Professor dort setzen möchte. Das Gespräch führte Anja Brockert.

Das Interview kann hier nachgehört oder heruntergeladen werden. Originale Sendezeit war  der 19.7.2013, zwischen 16:05 und 17 Uhr (Link zur Sendung).

Darf man das Video des mutmaßlichen Attentäters von Woolwich zeigen?

Warnung: Die Links führen zu Seiten, die das Video zeigen. Nach meiner Einschätzung gibt es gute Gründe, das Video nicht zu zeigen bzw. nicht anzuschauen.

Das Video des mutmaßlichen Attentäters von Woolwich macht die Runde im Internet. Nach und nach scheint man sich jetzt Gedanken darüber zu machen, ob es statthaft ist, das Video zu zeigen. Im Spiegel-Online-Artikel zum Thema wird der Londoner Journalismusprofessor Ray Greenslade zitiert mit der Aussage, dass Zeitungen und TV-Stationen „komplett bescheuert“ wären, wenn sie das Video nicht zeigen würden. Spiegel-Online selbst zeigt das Video, genau wie natürlich Bild.de und auch FAZ-Online.

Süddeutsche.de schreibt dagegen:

Im Zuge der Berichterstattung verzichtet Süddeutsche.de bewusst auf die Veröffentlichung von Fotos und Videos mit blutigen Bildern zu diesem Vorfall. Uns ist bewusst, dass andere News-Seiten, auf die wir – nach sorgfältiger Prüfung – in unseren Texten verlinken, derartige Fotos und Videos möglicherweise zeigen. Wir glauben jedoch, dass in diesen Fällen der Informationsgehalt der verlinkten Artikel so hoch ist, dass Verweise dennoch gerechtfertigt sind.

Warum sollte man also das Video nicht zeigen?

Ein Argument ist, dass mit dem Zeigen des Videos die Menschenwürde des Opfers verletzt wird: Der Leichnam des offenbar gerade getöteten Opfers ist im Hintergrund zu sehen, während sein mutmaßlicher Mörder sich inszeniert und triumphiert.

Ach andere Gründe sprechen meines Erachtens gegen ein Veröffentlichung: Die schreckliche Tat wird durch die blutigen Hände, die Waffen und die zeitliche Nähe zum Mord sehr real und echt erfahrbar. Viele Menschen wollen so etwas nicht sehen und sollten geschützt werden – wenigsten durch eine Warnung über dem Video.  Eine Warnung fehlt völlig bei Bild.de, Spiegel Online und FAZ-Online – das halte ich allerdings für eine zu kritisierende Nachlässigkeit. Bei ITV, dem britischen Sender, der das Video offenbar zuerst ausgestrahlt hat, findet sich über dem Video der deutlich sichtbare Satz:

A warning that this video contains graphic images of a man with bloodied hands and holding a meat cleaver:

Auch Kindern und Jugendlichen sollte der Zugang zu so einem Material nicht zu leicht gemacht werden. Zwar kann über die Wirkung solcher Medieninhalte nur spekuliert werden und zwischen dem Anschauen solcher Videos und einer steigenden Gewaltbereitschaft gibt es meines Wissens nach keinen kausalen Zusammenhang. Aber ganz intuitiv würde ich sagen, dass Kinder vor solchen Medieninhalten geschützt werden sollten.

Moralische Überlegungen, also die Würde des Opfers, und Rezipientenschutz angesichts der Grausamkeit sollten in die Entscheidung einfließen, ob das Video gezeigt wird oder nicht. Natürlich besteht auch eine Informationsaufgabe und das Video ist ein wichtiger Fakt bei diesem Mord. Es bleibt eine Abwägungsfrage. In diesem Fall aber denke ich, überwiegen Gründe, die gegen eine Veröffentlichung sprechen.

Und in diesem Sinne ist Süddeutsche.de eben nicht „komplett bescheuert“ (s.o.), nur weil sie sich nicht dem allgemeinen Verhalten anschließt. Man muss nicht der Meinung sein, das Video besser nicht zu präsentieren, aber so eine Entscheidung sollte im journalistischen Alltag eine Option bleiben und nicht für „bescheuert“ erklärt werden.

Update 24.05.2013: Zitiert bin ich (mit Kollege Christian Schicha) zum Thema hier.

Update 28.05.2013: Eine interessante, ebenfalls kritische Einschätzung von Rainer Stadler zum medialen Umgang mit dem Video im Blog „IN MEDIAS RAS“ (Medienblog der NZZ).

Beitrag zum „vernetzten Individualismus“

Gerade ist in den „Katechetischen Blättern“ ein Beitrag von mir erschienen, der die sozialen Phänomene hinter Facebook und Co. (= onlinebasierte soziale Netzwerkdienste) versucht zu beschreiben.

Filipović, Alexander (2013): Individualismus – vernetzt. In: Katechetische Blätter 138 (3), S. 164–169.

Ich stütze mich in meinem Beitrag wesentlich auf das Buch „Networked. The New Social Operation System“ von Harrison Rainie und Barry Wellman. Hier die Einleitungssätze meines Beitrags:

Die digitale Welt der Kommunikation beeinflusst unser Leben in grundlegender Weise. Hinter unserem Gebrauch vom Internet, den mobilen, internetfähigen Geräten und hinter unserer Kommunikation in den sogenannten Social Media zeigt sich ein Muster, das zu einem neuen Paradigma menschlicher Interaktion, zu einem neuen Denkmodell und einer neuen Leitidee des menschlichen Selbstverständnisses schlechthin avanciert. Vernetzung scheint ein Begriff zu sein, der diese Veränderung am treffendsten auf den Punkt bringt. Damit wird nicht, wie man denken könnte, die Individualisierung rückgängig gemacht. Vielmehr ist von einem vernetzten Individualismus die Rede. Das vernetzte Individuum ist der Mensch der digitalen Internetwelt und der vernetzte Individualismus ist das neue soziale Betriebssystem (vgl. Rainie/Wellmann 2012).

Geht man von der These einer grundlegenden Veränderung der Kommunikations- und damit der Lebensweisen in der Welt der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten aus, kann man zunächst nach den Auslöse- und Beschleunigungsfaktoren dieses Wandels fragen. Sie werden als soziale und technische Innovationen auf dem Weg zum vernetzten Individualismus vorstellig (1). Wie dieses Paradigma als Praxis realisiert wird, zeigt sich exemplarisch daran, wie Beziehungen und Familien im Modus der Vernetzung »stattfinden« (2). Diese Ergebnisse verschränken sich mit den im Prinzip schon länger bekannten und auch bedrohlichen Phänomenen einer Mediengesellschaft, die mit Virtualität und Inszenierung medienphilosophisch auf den Begriff gebracht werden (3). In einem kurzen Ausblick werden daraus einige grundsätzliche Anforderungen an Erziehung und Bildung in einer Gesellschaft des vernetzten Individualismus deutlich (4).

(Quelle: Filipović 2013, 164)

Das ganze Heft (H. 3 der Katechetischen Blätter 2013, Jg. 138) steht unter dem Thema „Social Media“ und ist vor allem für Pädagogen lesenswert. Hier geht es zur Website des Verlags (Editorial und einige weitere Texte sind einsehbar).

Literatur

  • Filipović, Alexander (2013): Individualismus – vernetzt. In: Katechetische Blätter 138 (3), S. 164–169.
  • Rainie, Harrison; Wellman, Barry (2012): Networked. The new social operating system. Cambridge, Mass: MIT Press.