Acht Tipps, wie man Medien richtig nutzt. Ein medienethischer Impuls am Ende von 2017

Vorspann: Seit 2015 schreibe ich auf Anregung des Journalisten Daniel Wirsching in der Augsburger Allgemeinen jeweils zum Jahresende einen medienethischen Jahresrückblick. In 2015 ging es um Misstrauen in den Journalismus (pdf), 2016 um Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Hass (pdf). Für das Jahr 2017 habe ich mangels Skandale keinen medienethischen Jahresrückblick geschrieben. Statt dessen habe ich Tipps gegeben, worauf jede und jeder bei seinem persönlichen Mediengebrauch achten sollte (Titel: Lassen wir die Filterblasen platzen! (pdf)). Mit freundlicher Genehmigung der Zeitung kann ich die Zeitungsseite (pdf) zur Verfügung stellen und publiziere hier die unredigierte Version.

Das Medienjahr 2017 war ziemlich öde, keine Aufreger wie Böhmermanns Satire, keine spektakulären Fälle von Medienversagen bei Katastrophen, kein wirklicher Medienskandal. Zwei wichtige, eher grundlegende Themen sind in 2017 allerdings an die Oberfläche gespült worden und verdienen eine kurze Betrachtung. Es geht erstens um unser öffentlich-rechtliches Mediensystem und zweitens um das Phänomen der Filterblasen.

Kritik am öffentlich-rechtlichen Mediensystem

Seit jeher stehen die öffentlich-rechtlichen Medien in der Kritik. Kritiker sind Politiker, die politisch tendenziöse Berichterstattung wittern. Kritiker sind Zuschauer und Zuhörer, die unzufrieden sind mit dem Programmangebot, mit Moderatoren und Journalisten, oder die gar verschwörungstheoretisch ARD, ZDF und Co. als von bestimmten Kreisen gelenkte Manipulationsmaschine ansehen. Ethisch gesehen ist wichtig, dass wir insgesamt eine vielfältige, unabhängige und alle Strömungen des demokratischen Spektrums berücksichtigende Medienwelt haben. Ein wichtiges Kriterium dafür ist die Staats- und Politikferne. Das was gedruckt und gesendet wird, darauf dürfen Politiker und Regierungen keinen inhaltlichen Einfluss haben. Die Regulierung von Presse und Rundfunk ist daher wichtig, aber auch schwierig, weil die Regulierung besonders des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ja staatliche organisiert wird und politische Interessen dabei eine Rolle spielen.

Diese Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist zentral und darf nicht durch unbedacht benutzte Begriffe wie „Staatsfunk“ für unmöglich gehalten werden. Wir haben keinen Staatsfunk – dafür sind mir zu viele Erfahrungen und Geschichten der unabhängigen journalistischen Tätigkeit in den Sendern bekannt. Aber wir müssen den Kriterien der Staatsferne und der politischen Unabhängigkeit noch besser zur Durchsetzung verhelfen. Das bedeutet auch, dass privatwirtschaftlich arbeitende Medien eine Chance haben müssen auf dem Markt.

Phänomen der Filterblasen

Die Vielfältigkeit der Medien hat aber keinen Effekt, wenn uns im Internet immer nur ein paar, für uns besonders passende Inhalte ausgewählt und dargeboten werden. Diesen Effekt, der manchmal durch Social Media-Plattformen wie Facebook beobachtet werden kann, nennt man Filterblase. Durch eine personalisierte Auswahl von Medieninhalten, die letztlich dabei helfen sollen, dass wir immer mehr Zeit auf den Plattformen verbringen, leben wir in Sachen Information dann in einer angenehmen, individualisierten Informations- und Meinungsblase.

Einen genauen, einen wahren, einen vielfältig-umfassenden Eindruck von der Welt werden wir so aber nicht bekommen. Als Bürgerinnen und Bürger, die wählen und abstimmen, ist es aber unsere Verantwortung, uns möglichst umfassend zu informieren. Lassen wir also die medialen Filterblasen platzen, in denen wir uns vielleicht befinden.

Wie nutze ich Medien richtig?

Bloß: Wie kann das gehen? Wie nutze ich Medien richtig, ist das nicht viel zu schwierig und sinnlos, angesichts der Macht der Medien? So schwierig ist das nicht. Ein paar Hinweise habe ich zusammengestellt. Vielleicht helfen Sie ihnen. Denn für mich steht fest: Um die Medienwelt kommt es auch auf unser Verhalten an.

  1. Halten Sie Ihrer gewählten Tageszeitung die Treue: Jeder braucht einen Grundstock an Nachrichten aus der Welt und dem Lokalen. Dafür eignet sich ein festes Abonnement einer Tageszeitung. Aber seien Sie ein neugieriger und kritischer Leser: Lassen Sie sich erklären, wie die Nachrichtenauswahl zu Stande kommt, beschweren Sie sich, wenn eine Nachricht kommentierende Elemente hat, wünschen Sie sich Themen, Debatten und Formate, die sie vermissen. Auch hier gilt: Wenn Sie selbst sicher versorgt sind, helfen Sie anderen: Gewöhnen sie Kinder und Jugendliche an das Zeitungslesen, fragen Sie Freunde, warum sie keine Tageszeitung lesen.
  2. Ab und zu eine andere Zeitung lesen: Lesen Sie von Zeit zu Zeit zusätzlich eine andere Zeitung oder ein Nachrichtenmagazin. Orientieren Sie sich dabei nicht unbedingt an ihrer politischen Ausrichtung, sondern lesen Sie quer durch den Blätterwald. Und ärgern Sie sich nicht über Meinungen, Kommentare und Ausrichtungen. Versuchen Sie eher, die Argumente und Perspektiven anderer zu verstehen.
  3. Schauen Sie nur ausgewählte politische TV-Sendungen: Gehen Ihnen bestimmte Talkshows und Nachrichtenmoderatoren auf den Geist? Dann schauen Sie diese Sendungen weniger. Schalten Sie bewusst aus, statt sich aufzuregen, ersparen Sie sich den Frust. Suchen Sie sich stattdessen gezielt Sendungen aus, von deren Qualität Sie überzeugt sind. Denn es gibt solche Sendungen.
  4. Boulevard-Zeitungen sind höchstens für Unterhaltung gut: Gegen gelegentliche Lektüre von Boulevard-Zeitungen und Zeitschriften ist zu Unterhaltungszecken nichts einzuwenden. Manchmal ist eine Zuspitzung in großen Buchstaben auch gut und hilfreich. Aber oft steht hinter einer Skandalmeldung nur heiße Luft und die Zeitungen versuchen, mit Skandalisierung ihr Blatt zu verkaufen. Seien Sie bei Zeitungen lieber qualitätsbewusst.
  5. Hören Sie mehr Radio: Als Nebenbeimedium ist das Radio etabliert. Aber es gibt auch tolle Sendungen mit guten politischen und gesellschaftlichen Informationen, für die man sich hinsetzen und die Ohren spitzen muss. RadioApps und Digitalradio geben einem viele Möglichkeiten. Probieren Sie neben lokalen Sendern ruhig mal NDRinfo am Abend aus. Hören Sie auch Privatradio. Und in der App vom Deutschlandfunk können Sie sich ganz bequem ihr eigenes Radioprogramm zusammenstellen.
  6. Misstrauen Sie der Nachrichtenauswahl auf Facebook und anderen Internet-Plattformen: Personalisierte Nachrichtenauswahl kann dazu führen, dass Sie nur das präsentiert bekommen, was Ihrem Profil entspricht. Das verstärkt den Filterblasen-Effekt. Teilen und Kommentieren Sie Nachrichten nur nach reiflicher Überlegung.
  7. Wiederstehen Sie Einladungen zum Klicken: Beim Surfen im Netz tauchen Meldungen und Überschriften auf, die Sie sehr geschickt zum Anklicken verführen wollen. Je aufregender und interessanter eine Überschrift ist und je mehr sie darum bettelt, geklickt zu werden – desto mehr ist Vorsicht geboten. Lesen Sie lieber an anderer Stelle weiter.
  8. Alternative Nachrichtenplattformen: Wenn Sie auf einer Nachrichtenseite eine Meldung sehen, die sie sonst noch nirgendwo gelesen haben: Ziehen Sie in Betracht, dass hier nicht die „Mainstream-Medien“ einen Fehler gemacht haben, sondern dass diese andere Nachrichten-Plattform politische oder ideologische Interessen verfolgt, für die diese Nachrichten nur Mittel zum Zweck sind. Bevor sie eine Verschwörung der etablierten Medien wittern, bestimmte Nachrichten zu unterdrücken: Fragen Sie lieber bei Ihrer Tageszeitung mal nach, warum die sich entschieden hat, eine bestimmte Meldung nicht zu bringen.

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